Von Jost Nolte

Vorzeitig, aber nicht unerwartet flackerte Streit auf. Gestritten wurde, ob Max von der Grün rechts von links unterscheiden könne. Streitende Personen: Swantje Ehrentreich vom Fernseh-Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“ und Max von der Grün. Umstrittene Sache: von der Grüns jüngstes Buch –

Max von der Grün: „Stellenweise Glatteis“, Roman; Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied; 328 S., 24,80 DM.

Und im Hintergrund grollte die IG Chemie, der ein unbotmäßiger Autor der Arbeitswelt einiges am Zeuge geflickt hatte.

Vorzeitig brach der Zank aus, weil das Buch, um das es ging, noch gar nicht auf dem Markt war, als es auf dem Bildschirm verhandelt wurde und Gegen- wie Gegengegenrede in der „Frankfurter Rundschau“ liefen. Nicht unerwartet kam der Zwist, weil Max von der Grüns gebrochenes Verhältnis zu den Gewerkschaften längst ruchbar war und weil früh durchsickerte, daß der Protagonist der nun schon betagten Gruppe 61 diesmal Tacheles reden wollte in Sachen gewerkschaftlicher Beschwichtigungspolitik und getrübten Arbeitnehmerbewußtseins.

Sparen wir uns die Einzelheiten der Diskussion. Swantje Ehrentreich setzte alles daran, von der Grün der literarischen und politischen Unlauterkeit zu überführen, der attackierte Autor raunzte zurück, und übrig blieb eine einigermaßen wichtige Frage: Hatte von der Grün gedurft, was er getan hatte? Er hatte einen authentischen Fall notdürftig verfremdet, ihn nach eigenem Gusto ausgeschmückt und das ganze dann als höhere Wahrheit ausgegeben.

Dies ist die Geschichte, die von der Grün, wie authentisch oder verschleiert auch immer, auf 328 Seiten erzählt: Der Autoschlosser und ehemalige Fernfahrer Karl Maiwald entdeckt durch Zufall, daß die Gegensprechanlage in seinem Betrieb eine Abhöranlage ist. Was die Arbeiter in irgendeiner Ecke der Dortmunder Maßmann AG, einer Firma für Industriegase, dienstlich oder privat reden, wird auf einem Tonband festgehalten und zu einer Geheimakte verarbeitet. Maiwald will den Betriebsrat mobilisieren, der fragt nach Beweisen, und Maiwald beschafft sie. Er steigt nachts ins Direktionsbüro ein und klaut das verfängliche Dossier. Während einer Weihnachtsfeier knallt er es auf den Tisch. Die Folge: Aufregung, lohnabhängige Kraftmacherei und Streik, als es Maiwald an den Kragen gehen soll.