Fünfzehn Prozent aller Industriearbeiter an der Saar sind Franzosen

Morgen für Morgen überschreiten sie wochentags die französisch-saarländische Grenze, um am Abend nach getaner Arbeit in ihre lothringischen Heimatdörfer in den Kantonen Forbach, Saargemünd, St. Avold und Bolchen zurückzukehren. Fast die Hälfte kommt mit eigenem Pkw, nahezu ebenso viele karren die Arbeitgeber – Weltfirmen wie das Ford-Zweigwerk in Saarlouis oder die keramischen Betriebe von Villeroy & Boch in Mettlach und Merzig ebenso wie mittelständische Unternehmen – mit Bussen zur Arbeit.

über 12 000 lothringische Grenzgänger zählte die deutsche Arbeitsstatistik im September 1972 an der Saar. Das sind mehr als ein Drittel der zu diesem Zeitpunkt im Saarland beschäftigten ausländischen Arbeitnehmer und immerhin rund 15 Prozent aller Industriearbeiter an der Saar. Die Franzosen können qualitativ durchaus mit ihren deutschen Kollegen gleichziehen. Über 70 Prozent sprechen mehr oder minder gut Deutsch, mehr als die Hälfte von ihnen sind Facharbeiter. Und anders als die übrigen Gastarbeiter bürden sie dem Gastland keine Schul- und Wohnprobleme auf.

Für Ostlothringen bedeuten die Grenzgänger umgekehrt eine wesentliche Entlastung des Arbeitsmarktes. Denn die Region ist durch eine Art Niemandsland vom Moseltal getrennt und noch weitgehend durch den Kohlebergbau geprägt. Zudem fehlen die weiterverarbeitenden Betriebe, die auf saarländischer Seite die Wirtschaftsstruktur bestimmen. Lothringische Industrielle allerdings klagen über die Abwanderung von Arbeitskräften, denn ihnen fehlen Fachleute.

Die französische Regierung reagiert unterdes gelassen auf den täglichen Exodus der Pendler. Premierminister Pierre Messmer, selbst lothringischer Abgeordneter und Abkömmling elsässischer Vorfahren, sieht das Problem nüchtern als Teil der europäischen wirtschaftlichen Integration.

Das war freilich nicht immer so. Noch erinnern sich die Saarländer an andere Töne. So warf Staatspräsident Georges Pompidou auf einer Lothringenreise den Saarländern vor Jahresfrist noch wirtschaftliche „Aggressivität“ vor. Und der amtierende Sonderminister für Europafragen und damalige Raumordnungsminister André Bettencourt gar sprach in einem Interview mit einer in Metz erscheinenden Zeitung vom „Kidnapping lothringischer Arbeitskräfte“.

Die Zahl der Grenzgänger hat sich dennoch Jahr für Jahr vermehrt. Fehlende oder wenig attraktive Arbeitsmöglichkeiten in Ostlothringen, vor allem jedoch das Lohngefälle locken die Franzosen ins Nachbarland. Jede Aufwertung der Deutschen Mark zog einen neuen Schub von Grenzgängern nach sich.