Wie sich Amerikas Konsumenten gegen die hohen Fleischpreise formieren

Neunzig Metzger, die in Washingtons Supermärkten arbeiteten, sind die ersten Opfer einer großen Kampagne gegen steigende Fleischpreise in den USA. Sie wurden entlassen oder mußten sich mit schlechter bezahlten Arbeitsplätzen begnügen, weil Amerikas Hausfrauen in den letzten vier Wochen zehn Prozent weniger Fleisch kauften als gewöhnlich.

Angefangen hatte es Ende Februar, als zwei Hausfrauen aus dem San Fernando Tal in Los Angeles ihre Freundinnen und Bekannten anriefen und vorschlügen, künftig dienstags und donnerstags auf Fleisch zu verzichten. In Windeseile breitete sich die Boykott-Bewegung nach dem Schneeball-System bis zur Ostküste aus; 18 000 Briefe gingen von Los Angeles in alle Teile der Staaten.

Der Fleisch-Boykott wurde zu einer nationalen Bewegung. Die Zeitungen veröffentlichen auf den Hausfrauenseiten Rezepte für fleischlose Mahlzeiten und für die Zubereitung von Leber oder Herz. Die Verbraucher-Organisationen bestimmten die erste April-Woche zur „fleischlosen Woche“.

Roßschlachter, bislang fast nur von Hundebesitzern frequentiert, sehen plötzlich neue Kunden in ihren Läden: hauptsächlich Rentner und Arbeitslose, die Steak und „Hamburger“ vom Pferd statt vom Rind auf den Familientisch bringen. Mancher Roßschlächter mußte in Eile ein Schild malen, das er bisher nicht benötigt hatte: Ausverkauft.

Der Satiriker Art Buchwald schlug inzwischen den Banken vor, ein Programm für Fleisch-Kredite zu entwickeln, für die wegen der hohen Preise die Kunden wohl ihre Autos und Häuser würden verpfänden müssen. Sein Kollege Art Seidenbaum hatte einen anderen Vorschlag parat: Laßt das Mittagessen ausfallen. Das erspare nicht nur langweilige Arbeitsessen, Ärger mit Parkplätzen und Ärger über schlechte Bedienung in überfüllten Restaurants, das diene auch der Gewichtsdiät und damit der Gesundheit.

Die steigenden Fleischpreise – im Februar 5,4 Prozent – und der Boykott alarmierten Regierung und Gewerkschaften. Die Gewerkschaften verlangten einen sofortigen Preisstopp, doch Präsident Nixon sprach sich dagegen ebenso aus wie gegen den Boykott. Er riet den Hausfrauen – „der größten und wirkungsvollsten Waffe gegen hohe Preise in diesem Land“ – stattdessen überlegtes und wählerisches Einkaufen.