Von Gottfried-Karl Kindermann Taiwan

Als politische Sensation werteten China-Experten in aller Welt Pekings Beschluß, in Washington ein Verbindungsbüro zu errichten, das alle Privilegien regulärer diplomatischer Vertretungen genießen und von einem Repräsentanten mit Botschafterrang geleitet werden wird. Denn Pekings Vertretung in Washington wird Seite an Seite mit der dort weiterbestehenden und formal ranghöheren Botschaft seines nationalchinesischen Bürgerkriegsgegners koexistieren müssen. Präzedenzlos ist dabei, daß Peking seine ausländischen Hauptstädten und internationalen Organisationen gegenüber seit 24 Jahren rigoros durchgehaltene Politik der schroffen Ablehnung jeder chinesischen Doppelvertretung teilweise aufgegeben hat.

Aufsehen erregte darüber hinaus Tschu En-lais Äußerung, auch der letzte Schritt der Normalisierung, die formalrechtliche diplomatische Anerkennung, könne relativ bald vollzogen werden: „Wenn die Amerikaner anerkennen, daß Taiwan eine Provinz Chinas ist, wird alles geregelt sein, und wir können uns die Hände reichen.“ Konkret bedeutet das die Forderung, Washington solle seinen seit 1955 bestehenden Verteidigungsvertrag mit der nationalchinesischen Regierung einseitig aufkündigen, die diplomatischen Beziehungen zu Taipeh abbrechen und Pekings „souveränes Recht“ anerkennen, Taiwan notfalls mit Waffengewalt dem Staatsgebiet der Volksrepublik China anzuschließen.

Das Fortbestehen eines nationalchinesischen Widerstandszentrums auf der wirtschaftlich florierenden und strategisch günstig gelegenen Insel Taiwan vor den Toren Kontinental-Chinas hat Peking seit 1949 jahrein, jahraus irritiert. Unter Berufung darauf, daß Taiwan zum Sitz der letzten 1947 frei gewählten gesamtchinesischen Verfassungsversammlung geworden sei, betrachtet sich das nationalchinesische Regime als alleinige legitime Vertretung des gesamten chinesischen

Volkes. Von 1945 bis 1971 wurde es diplomatisch auch von weitaus mehr Staaten als „chinesische Regierung“ anerkannt als Peking. Nixons neue Chinapolitik wirkte dann zugleich als Signal wie als Symptom einer weitreichenden Umorientierung in der Haltung anderer Staaten gegenüber China. Während Henry Kissinger gleichzeitig in Peking verhandelte, beschloß die UN-Generalversammlung im Oktober 1971, China solle in der Weltorganisation künftig nicht mehr durch Taipei, sondern durch Peking vertreten sein. Viele Staaten, darunter auch die Bundesrepublik, entschieden sich daraufhin für eine diplomatische Anerkennung Pekings. Es wird inzwischen von fast 90 Staaten anerkannt, Taipei hingegen nur-, mehr von etwa 40 Staaten.

Nun hat Nationalchinas Präsenz in Taiwan nicht nur völkerrechtliche, sondern auch höchst politische und sozio-ökonomische Folgen gezeitigt.

Seit ihrem Rückzug, nach Taiwan 1949 haben die nationalchinesischen Bürgerkriegsgegner der Maoisten nicht ohne Erfolg versucht, das öffentliche Leben auf der Insel zu einem „chinesischen Gegenmodell“ zur Theorie und Praxis der kommunistischen Herrschaftsausübung und Entwicklungspolitik zu machen. Internationale Berühmtheit erlangte die nach der Sun-Yat-sen-Parole „Das Land den Bauern“ gewaltlos durchgeführte, bäuerlichen Eigenbesitz schaffende oder vermehrende Landreform in Taiwan.