Von Dev Murarka

Bei Wettkämpfen sind die Russen schlechte Verlierer. Es fällt ihnen schwer, Niederlagen gelassen hinzunehmen, was nicht heißen soll, daß sie sich gegen den Gewinner unfair verhalten. Im Kampf um die Schachweltmeisterschaft mit dem Amerikaner Bobby Fischer ertrugen sie die Glücklosigkeit ihres Idols Boris Spasskij vorerst mit Gleichmut, zumindest gab man sich in der Öffentlichkeit den Anschein. Aber die tiefe Wunde, die das Ereignis dem Selbstbewußtsein zugefügt hätte, konnte Moskau auf die Dauer nicht verheimlichen.

In der russischen Schachwelt ist es unruhig geworden. Der vornehme, zurückhaltende Spasskij wurde mit wenig Sympathie bedacht, und seine Kritiker werden zunehmend unfreundlicher. Gestern noch als Held gefeiert, ist er heute nur noch der Mann, der im Schachsport versagt hat. Man muß sich fragen, ob die Verantwortlichen ernstlich glauben, die Moral ihrer Sportler durch Angst vor Konsequenzen aus Mißerfolgen stärken zu können. Ob beabsichtigt oder nicht, so jedenfalls wirken ihre Verunglimpfungen.

Schach ist eine Art Nationalheiligtum in der Sowjetunion. Und das erklärt die Entscheidung des Komitees für Leibesertüchtigung und Kultur, das dem Ministerrat der UdSSR untersteht, die Struktur der Schachwettkämpfe im Lande zu reorganisieren. Das Komitee hat diesen Entschluß mit der Niederlage Spasskijs, der bis jetzt noch nationaler Meister ist, begründet.

Nach dieser Neuordnung wird es zwei Gruppen der Spitzenklasse geben. Der ersten Gruppe gehören 18, der zweiten 16 Teilnehmer an. Ähnlich den Vereinen in der Fußball-Bundesliga werden jedes Jahr jene Spieler der ersten Gruppe, die am Ende der Liste stehen, in die zweite Gruppe absteigen und die Besten der zweiten Gruppe in die erste aufrücken. Von diesem Austausch sind stets sechs Mitglieder eines jeden Teams betroffen. Die drei letzten Spieler der ersten und zweiten Gruppe, also die mit der niedrigsten Punktezahl, müssen sich mit 69 anderen Schachspielern in einem nationalen Ausscheidungsturnier messen. Die Krone des sowjetischen Schach wird künftig dem Titelinhaber nicht mehr unbegrenzt erhalten bleiben.

Da die Teilnahme an diesem Ausleseverfahren allen Schach-Großmeistern der UdSSR-Meisterschaftsliga zur Pflicht gemacht wird, müssen sie hart trainieren, um jedes Jahr aufs neue ihre Position zu behaupten. Die erste Runde des neuen Championats findet für Gruppe I im Herbst statt. Interessant wird sein, ob Spasskij noch so in Form ist, daß er sich an der Spitze halten kann, um vielleicht erneut mit Fischer zusammenzutreffen. Scheidet er aus, kann Moskau, verlangen, daß der sowjetische Herausforderer für die Weltmeisterschaft der neue Landesmeister sein muß.

Eine andere – wieder eingeführte – Regel besagt: Keine Partie mit weniger als 30 Zügen darf ohne Erlaubnis der Jury als unentschieden gelten. Offensichtlich sind die sowjetischen Sachkenner der Materie entschlossen, das Niveau des Schachspiels beträchtlich anzuheben.