Das „größte Dorf Hollands – Politik, Geschichte und Kultur / Von Hans Arnold

Den Haag – in manchen amtlichen Schriftstücken, auf den Briefbogen reputierlicher Firmen und traditionsbewußter Haager noch heute gern in der älteren Form ’s-Gravenhage genannt – leitet seinen Namen von einem Wäldchen ab, das bis ins 13. Jahrhundert als Jagdgebiet der in Haarlem residierenden Grafen von Holland, als „der Grafen Gehege“, abseits der damaligen Machtzentren lag. Und auch heute liegt Den Haag noch etwas im Windschatten der großen europäischen Verkehrsverbindungen am äußersten westlichen Rand des von der Seeküste und den Städten Amsterdam, Utrecht und Rotterdam begrenzten Gebietes. „Randstadt“ nennen es die Holländer, obwohl sich der größte Teil des niederländischen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens hier konzentriert. Bis zum Jahr 2000 soll es ein geschlossenes und geordnetes Stadt-Landschafts-Gebiet werden.

Wer auf dem Luftwege anreist, landet in Amsterdam-Schiphol, in selteneren Fällen in Rotterdam-Zestienhoven, und gelangt von dort in jeweils einer halben Stunde mit dem Zubringerbus in das Zentrum von Den Haag. Wer mit dem Zug kommt, muß meistens in Utrecht in einen gemütlichen Personenzug umsteigen. Die vor allem für die deutschen Touristen wichtige Autobahn Oberhausen–Emmerich–Arnheim–Utrecht–Den Haag endet im östlichen Vorort Voorburg. Freundliche Warnung übrigens an Kraftfahrer: Die in Holland sehr oft neben den Autostraßen parallel laufenden Radwege haben in den meisten Fällen Vorfahrtsrecht. Die gravitätisch wie Segelboote durch die Landschaft gleitenden Radfahrer werden freilich immer seltener. Immer zahlreicher werden dagegen die fröhlichen Horden jugendlicher Rennfahrer,, die auf den Radwegen mit ihren Mopeds (den sogenannten „brom-fietsen“) im Easy-Rider-Stil einander und durch den Verkehr jagen.

Stadt der Aristokraten

Die Autokolonnen deutscher Touristen schieben sich an den Hauptreisetagen im allgemeinen Stoßstange an Stoßstange an Den Haag vorbei, entweder in nördlicher Richtung zu den Tulpenfeldern, im Frühjahr vor allem zur Blumenausstellung „Keukenhof“, oder auf der großen Durchfahrtsstraße zum Seebad Scheveningen, wo man vom Parkplatz aus in 15 Minuten an Pommes-frites-Buden, Nachtlokalen, Spielhallen und Andenkengeschäften vorbei den Strand erreichen kann, der in der Saison meistens so belebt ist, wie die Vorortbahnhöfe deutscher Großstädte zur Stoßzeit des Berufsverkehrs.

Touristische Feinschmecker aber reisen nach Holland nicht in der Saison, sondern im Herbst. Dann ist die Landschaft in jenes milde Licht getaucht, das an die Bilder von van Goyen erinnert und einen die rapide Veränderung dieses Landes zum Modernen hin vergessen läßt. Dann sind die Strände leer, und man begegnet auf ihnen allenfalls einsamen Spaziergängern oder Reitern, und die Sonne leuchtet als ein zerfließender orangener Fleck durch den Dunst, und Meer und Luft und Licht und Strand bilden eine großartige, bewegte, an die späten Themsebilder von Turner erinnernde Einheit. Der Feinschmecker wird auf jeden Fall einen Besuch in Den Haag einplanen, das – neben der größten Stadt Amsterdam und dem größten Hafen Rotterdam – von den Holländern liebevoll-ironisch als das größte Dorf des Landes bezeichnet wird.

Ein holländischer Reiseführer charakterisiert Den Haag mit Einfühlung und Enthusiasmus als die „Stadt der stetigen Kaffeetrinker in der Sonne, der Törtchen essenden Frauen auf Terrassen, der Ministerialräte und Dienstautos, der Botschaften und der Menschen, die ihr Lunchpaket in amtliches Papier einwickeln, der Stände und Klassen und anderer gesellschaftlicher Erscheinungen, der Blumen, der Parks, der Bäume und der Seeluft – fürstliche Fürstenstadt, in der übrigens kein Fürst mehr wohnt, welche aber geprägt ist von Aristokraten, begütertem Bürgertum, Parlamentariern und Beamten, die keine Besprechungen abhalten, sondern Konferenzen –, Stadt aber auch, in der die Zahl der Fabrikarbeiter gegenwärtig zweimal so groß ist, wie die der Beamten – Stadt, die man, wie einer unserer Dichter sagte, nur anzutippen braucht, und sie singt, ja so ist sie, aber man muß dann schon sehr stark tippen, denn Den Haag, diese abgeklärteste unserer großen Städte, wird sich bestimmt nicht gehenlassen“.