Von Heinz Michaels

Gut 5000 Textilarbeiter und Textilarbeiterinnen haben in den letzten Wochen ihrem Gewerkschaftsvorstand kundgetan, wie sie sich den neuen Lohntarif vorstellen, der am 1. Mai fällig ist. Seit drei Jahren drucken die Textilgewerkschafter in der Weihnachtsausgabe ihrer Mitgliederzeitschrift einen Fragebogen, mit dem sie die Stimmung an der Basis erkunden wollen. Und Jahr für Jahr müssen, die Postboten mehr Antwortbriefe in den modernen Betonklotz des Düsseldorfer Hauptquartiers schleppen, der nur einen Steinwurf entfernt liegt vom Hans-Böckler-Haus des DGB-Vorstands.

Horst Keller vom Vorstand der Textilarbeitergewerkschaft sieht in der Fragebogenaktion einen Beweis für „den noch funktionierenden Dialog zwischen der Basis und der Gewerkschaftsspitze“, Für den Vorstand hat diese Aktion die Funktion eines Seismographen, dessen Ausschläge sorgsam beobachtet werden. Sie setzt jedoch keineswegs jenen traditionellen Meinungsbildungsprozeß außer Kraft, der über die Beschlüsse der Vertrauensleute und Tarifkommissionen die Forderungen der Gewerkschaft Textil formuliert und den Verhandlungsrahmen absteckt.

Zufrieden kann Gewerkschaftssprecher Berkus feststellen, daß sich die Ergebnisse der diesjährigen Fragebogenaktion weitgehend mit den von den Tarifkommissionen beschlossenen Forderungen decken: Lohnerhöhung von 60 Pfennig je Stunde, was einer Steigerung der Effektivverdienste um rund zehn Prozent oder, wie die Arbeitgeber feststellten, der Tariflöhne um 13,5 Prozent entspricht. „Natürlich hat der eine oder andere auch 15 oder 20 Prozent hineingeschrieben. Aber das sind Ausnahmen.“

Für Karl Buschmann, den Vorsitzenden der Gewerkschaft, hat der Dialog mit der Basis aber noch eine andere Funktion. Er braucht die Kommunikation mit den Mitgliedern vor allem, um ihnen eine Tarifpolitik verständlich zu machen, die mit den Traditionen gewerkschaftlicher Lohnpolitik bricht. Auf dem ZEIT-Forum mit Helmut Schmidt, damals noch Bundesfinanz- und -wirtschaftsminister in einer Person, im September letzten Jahres fand Buschmann aufmerksame Zuhörer aus dem Unternehmerlager, als er seine Politik so formulierte:

„Als Mann der Praxis, der Tarife machen muß, frage ich mich, welche Instrumente stehen uns zur Verfügung, im richtigen Augenblick das Richtige zu tun. Ich meine, daß die Art, wie wir bisher Tarifpolitik gemacht haben, nicht richtig ist. Wir sollten dafür Sorge tragen, daß wir eine breit gefächerte Politik machen können, beispielsweise in Richtung Bildungseinrichtungen und Bildungsurlaub, oder in Richtung Vermögensbildung, so daß wir in bestimmten Situationen auf Lohnanteile verzichten können, die dann statt in den Konsum in andere Kanäle fließen.“

Als Buschmann 1959 dem Vorstand erstmals seine Gedanken vortrug, fand er in diesem Gremium keine Mehrheit. Es hat Jahre gedauert, bis der Vorstand schließlich die neue Politik einstimmig guthieß.