Von Hermann Bößenecker

Ludwig Kuttner, vielgeschäftiger Textilmillionär in Bayerns Hauptstadt, stürzte bei einem abendlichen Empfang während der Münchner Modewoche im Hotel Continental auf seinen alten Bekannten Helmut Maier aus Augsburg zu: „Wissen Sie schon, daß Sie verkauft sind?“

Doch Maier, Vorstandsmitglied der Augsburger Kammgarn-Spinnerei (AKS), ließ sich nicht provozieren: Er sei darüber bisher nicht in Kenntnis gesetzt, versicherte er Kuttner. Dieser pochte demgegenüber auf seine Informationen, nach denen die Deutsche Bank als Großaktionärin ihre 25prozentige Schachtelbeteiligung an dem Augsburger Textilunternehmen schon so gut wie verkauft habe.

Anderntags beeilte sich Wilfried Guth, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, ein halbes Dementi abzugeben: „Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.“ Er ließ jedoch keinen Zweifel daran: „Die AKS-Schachtel gehört nicht zu den Beteiligungen, die wir als Dauerbesitz betrachten.“ Und Siegfried Gropper, Direktor der Deutschen Bank in München und seit 1970 Aufsichtsratsvorsitzender der AKS, nannte als „geschäftspolitische Philosophie“ seines Instituts, individuelle Beteiligungen nicht als Dauerbesitz anzusehen.

Offenbar ist schon vor zwei Jahren der Beschluß gefaßt worden, die Beteiligungen an der AKS zum Verkauf zu stellen. Um das Geschäft interessanter zu machen, stockte die Bank ihre Quote von damals gut 21 Prozent durch Zukaufe aber erst einmal auf über 25 Prozent auf.

Auch jetzt sind, so Gropper, die Verkaufsgerüchte „zeitlich hochgespielt“ worden. Es sei noch „absolut offen“, wann das Paket den Besitzer wechsle – ob in einem Monat oder überhaupt noch in diesem Jahr. Die Deutsche Bank legt Wert auf die Feststellung, daß sie mit mehreren Interessenten verhandele. Es stehe noch keineswegs fest, mit wem man sich einigen werde.

Unter den deutschen Textilindustriellen wird nicht daran deutschen daß sowohl Kuttner nicht als auch sein großer Augsburger Rivale selbst Glöggler sein die AKS-Schachtel Rivale Hans die gegenwärtig (bei einem Aktienkapital von 14 Millionen Mark und Börsenkursen von rund 240 Mark je Aktie) an die 17 Millionen Mark wert ist. Kuttners gezielte Indiskretion im Mark machte das Thema rasch in der Branche publik und sorgte für eine „Riesenaufregung“ (Kuttner).