Wir müssen uns damit abfinden, daß eine humanere Gestaltung der Arbeitswelt Geld kostet", forderte kürzlich der CDU-Bundestagsabgeordnete Norbert Blüm. Da trotz aller Arbeitszeitverkürzungen in der Bundesrepublik immer noch 25 Millionen Menschen den größten Teil des Tages im Büro, in Fabrikhallen oder hinter dem Ladentisch verbringen, wäre dieses Geld gut angelegt, wenn es zu einer wesentlichen Erhöhung der "Qualität des Lebens" am Arbeitsplatz führt.

Dennoch irrt Blüm. Eine menschenwürdigere Gestaltung der Arbeitsverhältnisse braucht keineswegs ein Verlustgeschäft zu sein. In den USA machen zur Zeit zahlreiche Unternehmen die Erfahrung, daß gerade die fehlende Humanität am Arbeitsplatz Geld kostet. Sinkende Arbeitsmoral, geringe Produktivitätssteigerungen, wilde Streiks und gelegentliche Sabotageakte sind die Symptome einer weitverbreiteten Unzufriedenheit.

Die gleichen Erfahrungen mußte in diesen Tagen das Management der staatlichen französischen Renault-Werke machen. Junge, ungelernte Arbeiter streikten dort gegen die trostlosen Arbeitsbedingungen, die sie zu roboterhaftem Zubehör einer riesigen Maschinerie degradieren. Es sind keine Streiks, bei denen es um mehr Geld geht – auch wenn es schließlich genommen wird. Der Widerstand richtet sich vielmehr gegen den unerträglichen Lärm, die Monotonie und die fehlenden Mitsprachemöglichkeiten am Arbeitsplatz.

Daß umgekehrt Produktionsmethoden, die nicht mehr allein auf die Anwendung der modernsten Technik, sondern auch auf die neuen Bedürfnisse der Arbeitnehmer abgestimmt sind, zu einer erstaunlichen Leistungssteigerung führen können, beweisen verschiedene Experimente in den USA. (Siehe "Aufstand gegen die Langeweile", Seite 46.)

Es ist gewiß keine bloße Sentimentalität, die Großunternehmen wie General Motors, Bell Telephone, Motorola oder General Foods dazu bewegen, mit der Abschaffung des Fließbandes und der extremen Arbeitszerlegung zu experimentieren. "Wir machen nur, was sich auszahlt", versicherte ein Sprecher von Chrysler. Kaum ein Manager in den USA, der sich mit sozialen Plänen beschäftigt, wird dieser Ansicht widersprechen.

Werden dadurch alle Bestrebungen zur Neugestaltung der Arbeitsverhältnisse diskreditiert? Mancher, der eine Humanisierung der Arbeitswelt, mehr Mitsprache und Gewinnbeteiligung fordert, mag sich abgestoßen fühlen. Steht doch wieder einmal bloßes "Profitstreben" hinter allen Bemühungen, die Mitarbeiter mit ihrem Arbeitsplatz zu versöhnen.

Dennoch dürfte es keine solidere Grundlage für die Forderung nach menschenwürdigen Arbeitsplätzen geben als die Tatsache, daß Humanisierung sich "auszahlt". Wenn der Wettbewerb das Management dazu zwingt, der Gestaltung der sozialen Beziehungen im Betrieb ebensoviel Aufmerksamkeit zu widmen wie neuen Technologien, dem Marketing oder Verkauf, dann ist dies wirkungsvoller als alle noch so gut gemeinten Gesetze. Und Idealismus und Einsicht sind auch nie so allgemein verbreitet wie der Weitbewerbsdruck.