Von Hellmuth Karasek

Bestseller haben, was ihre Wirkung angeht, eine ganze Menge mit nationalen und internationalen Fußballereignissen gemein.Würde man Fußballanhänger wie Bestseller-Leser nach der für sie wichtigsten Genußkategorie fragen, sie würden beide antworten, Spiel oder Buch seien spannend. Spannung jedoch, ergreift sie im Lawineneffekt eine große Anzahl von Leuten, beruht für diese auf der Möglichkeit einer ebenso intensiven wie kurzlebigen Identifikation.

Intensiv kann sie deshalb werden, weil beim Fußball wie beim Bestseller-Roman einfache Rollenerwartungen vorgegeben sind: der Jäger (oder Torjäger) und der Gejagte, der Held und seine mächtigen Gegenspieler. Kurzlebig (und daher problemlos) sind die Identifikationen deshalb, weil sowohl Fußball wie echte Bestseller folgenlos sind: Nichts ändert sich wirklich, wenn die Weltmeisterschaft, der Europapokal erreicht oder verspielt wurde; nichts bleibt von einem Literatur-Thriller, als daß man mit dem Helden gewinnen oder verlieren konnte, daß man Partei wurde, seine Spielzüge verfolgte und – mit ihm am Ziel – die eigene Parteinahme nachlässiger wegwerfen kann als eine ausgerauchte Zigarette.

Die Spannung resultiert also aus überschaubaren, einsichtigen Spielregeln, die nur für die Dauer des Spiels gelten, und aus dem raffinierten Ausnutzen dieser Spielregeln, das diese während des Spiels gleichzeitig bestätigt und zugunsten des riskanten, jedoch folgenlosen Abenteuers außer Kraft zu setzen scheint.

Frederick Forsyth gehörte mit seinem Weltbestseller vom „Schakal“ fast augenblicklich zu den erfolgreichen Veranstaltern eines literarischen Spannungsspiels. Er ließ dabei einen einzelnen, einen geheuerten Killer der OAS gegen den französischen Staat, gegen de Gaulle mit einem Attentatsversuch antreten. De Gaulle gewann knapp 1:0, der Killer blieb selber gekillt auf der Strecke. Nun ist von Forsyth der zweite Bestseller auf den Hit-Listen gelandet, in vielen Ländern wie in Deutschland –

Frederick Forsyth: „Die Akte Odessa“, Roman, aus dem Englischen von Tom Knoth; R. Piper & Co. Verlag, München; 395 S., 26,– DM

und die Spielregeln sind eigentlich ähnlich wie beim „Schakal“. Auch hier spielt im Grunde ein einzelner, diesmal kein Killer, sondern ein Journalist, gegen allmächtige Feinde, diesmal nicht den französischen Staat, sondern gegen die geheime SS-Organisation „Odessa“. Aber es bleibt das gleiche Spiel: Wie die OAS im „Schakal“ zwar außerhalb der Legalität stand, aber doch so etwas wie ein Staat im Staate war, mit mächtigen Verbindungen, einem unterwanderten Staatsapparat, der seinerseits wieder die Organisation unterwandert hatte, so ist es ähnlich auch in der „Akte Odessa“. Die Organisation der ehemaligen Waffen-SS verfügt ebenfalls über mächtige Untergrund-Ressourcen, ist gleichfalls international verzweigt und hat im deutschen Staat auch einflußreiche Hintermänner.