Von Heinz Ludwig Arnold

Daß Franz Josef Degenhardt Atmosphäre einzufangen und zu vermitteln versteht, daß er mit ein paar Bildern ein ganzes Milieu charakterisieren kann – dies weiß man, denn seine gesungenen Balladen von den Schmuddelkindern, von Horsti Schmandhoff und jüngst von Mutter Mathilde und vielen anderen leben von solchen markanten Skizzen. Und das Milieu, dessen Bedürfnisse und Lebensweise er in seinen Liedern und Balladen artikuliert, ist schon immer das kleinbürgerliche gewesen, heute würde Degenhardt sagen: das proletarische. Wer dieses verachtete, war der beißenden Ironie Degenhardts sicher. Und so herrschte Klassenkampf eigentlich schon in einem Lied wie „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“, das die Oberstadt der feinen Leute den Proletariern der Unterstadt konfrontierte und den Zwang zum Feintun als Virus einer geradezu psychisch wirksamen Krankheit an der Gesellschaft entlarvte.

Der Gesellschaft, aus der er kommt und der er sich zugehörig fühlt, der Gesellschaft der Unterstadt hat er nun seinen ersten Roman gewidmet –

Franz Josef Degenhardt: „Zündschnüre“; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 252 S., 22,– DM.

Es ist ein Buch, das man mit der gleichen Spannung und dem gleichen Vergnügen liest wie Mark Twains Geschichten von Huck Finn und Tom Sawyer.

Dabei wird der Handlungszusammenhang des Romans nicht einmal vom Autor bestimmt, sondern vom Zeitablauf der Jahre 1944 und 1945, und den erzählerischen Zusammenhang bewirkt der Zusammenhalt der Altsozialisten und Kommunisten aus der Unterstadt gegen den in der Agonie liegenden Nationalsozialismus, bewirkt auch die Horde Vierzehn- und Fünfzehnjähriger, deren Väter tot, in den KZs oder an der Front waren und die aus ihrer Sicht und mit ihrem noch ungezügelten Temperament im Stil einer Jugendbande Revolution spielten. In ihnen allen steckt immer auch ein bißchen Degenhardtsche Autobiographie, zumindest eine große Portion eigene Anschauung und Erfahrung.

Degenhardt, damals selber ein Vierzehnjähriger, reiht Geschichte an Geschichte, und es entsteht ein Bild einer Gesellschaft, die so hierzulande literarisch noch nie fixiert wurde: das – ich übernehme Degenhardts Wort – Proletariat zur Zeit der größten Gefährdung, die zugleich auch eine Zeit des innigsten Zusammenlebens war.