ZDF, Sonntag, 8. April: „Das Sonntagskonzert – Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 4“ von und mit Herbert von Karajan

Im Frühjahr 1807 wurde in Wien die vierte Sinfonie von Ludwig van Beethoven uraufgeführt. Sie gehört mit der dritten und fünften Sinfonie und einigen Kammermusiken in die Gruppe jener Werke, in denen Beethoven nach dem – wie die Musikwissenschaftler es nennen – „dialektischen Prinzip“ arbeitete, einer sowohl in Form wie Inhalt musikalischen Analogie zum philosophischen Prinzip von These–Antithese–-Synthese, und das sowohl in der mikrostrukturellen Anlage der zwei Themen eines Satzes wie in der makrostrukturellen, der „klassischen“ Folge von vier Sätzen. Wenn jemand die vierte Sinfonie von Beethoven für das Fernsehen „inszeniert“, muß nicht, aber könnte er zum Beispiel dieses dialektische Prinzip zur Regie-Grundlage machen.

Die vierte Sinfonie erweist sich in Themenbau und Orchester-Satz, in der Architektur der Stimmen wie der Klangfarben, in der Funktion der Rhythmik wie der Dynamik als ein Werk, das sozusagen auf des Messers Schneide steht zwischen dem paarigen System der Klassik und dem solistischen der sich emanzipierenden, Individuelles verratenden Ausdrucksmusik. Wenn jemand die vierte Sinfonie von Beethoven für das Fernsehen „inszeniert“, muß nicht, aber könnte er zum Beispiel dieses System der sich selber aufgebenden musikalischen Paarigkeit zur Regie-Grundlage machen.

Beethovens für den feudal-absolutistischen Musikbetrieb geschriebenes Stück in unserer modernen Musikkonsumpraxis oder in der auf Mehrchörigkeit angelegten Berliner Philharmonie, die mustergültige Prägnanz, mit der ein auf das äußerste uns heute zur Verfügung stehende Maß an Orchesterkultur getrimmtes Ensemble die Partitur um so viel besser realisiert, als Beethoven selber es sich in seinen kühnsten Träumen hat ausmalen können, das hätte möglicherweise auf dem Bildschirm sichtbar werden können.

Herbert von Karajan verfuhr als Dirigent und Regisseur einer in „Video-Quadrophonie“ für seine eigene Firma „Unitel“ hergestellten Aufzeichnung eines Live-Konzertes etwas zuschauerfreudiger. „Grundsätzlich bin ich im Bild“, dürfte er zu Schnittbeginn der Cutterin Gela-Marina Runne mitgeteilt haben, „nur an den unbedingt notwendigen Kamera-Ausläufen werde ich von Instrumenten unterschnitten.“ Und so prangte denn in – wenn ich richtig gezählt habe – 1003 der 1440 zu spielenden Takte der Maestro auf der Bildröhre, Karajan der völlig versammelte Musiker, Karajan der so sympathisch inmitten seiner Mannen wirkende Künstler, mit einer Scheinwerfer-Gloriole auf dem Silberhaar und – das war neu – leicht zittriger, etwas verkrampfer linker Hand. Da ist natürlich die Musik unwichtig.

Zwei Regisseure, die vielleicht von der Ausstrahlungskraft eines Karajan-Kopfes auf dem Bildschirm etwas weniger, dafür aber von der Fernseh- und Film-Mache um so mehr verstanden, hatte Karajan schon verschlissen. Nun, da bewiesen ist, daß niemand es ihm gut genug machen kann, besorgt er, wie auf der Opernbühne, die Regie eben auch noch selber – und scheint nicht zu merken, wie der Regie-Ignorant Karajan langsam, aber sicher dem Dirigenten das künstlerische Image zerschlägt.

In einem Interview am Vorabend seines 65. Geburtstages hatte Karajan von der „Einzigartigkeit der Gemeinschaft“, von der „ungeheuren Verbundenheit“ mit seinen Orchestermusikern gesprochen. Irgendwann müßte doch auch in der Orchestervertretung oder der Intendanz der Berliner Philharmoniker jemand merken, aus welcher feudal-absolutistischen Haltung heraus Karajan seine Musikbediensteten verschaukelt und damit degradiert, wenn er so tut, als ließe er sie vor der Fernseh- oder Filmkamera musizieren. Heinz Josef Herbort