ARD, Sonntag, 15. April: „Smog“ von Wolfgang Menge

Der Fernsehfilm „Smog“ geht unter die Haut. Dabei beschreibt er nicht das Elend der Menschen in Vietnam oder in Bangla Desh, er zeigt auch nicht das Sterben der Indianer vom Amazonas, er schildert nur ganz cool die tödlichen Atemnöte der Menschen im Ruhrgebiet.

Die schwierige Dunstglocke, die über der Industrielandschaft an der Ruhr liegt, weicht nicht. Auf der Straße kippen Menschen um und ringen nach Luft. Die Krankenhäuser füllen sich, Sauerstoffmasken werden knapp, Bundeswehrärzte springen ein, Menschen sterben, Sonderzüge evakuieren Mütter mit ihren Kindern in die Eifel. Pausenlos bringen Fernsehen und Rundfunk Sondermeldungen von der Smog-Front. Verbote werden erlassen, für die Hauptverkehrszeiten wird das Autofahren rigoros untersagt, bestimmte Industrien müssen ihren Betrieb einschränken. Die Schadstoffe in der Luft, vor allem Schwefeldioxyd, haben die kritische Grenze erreicht. Die Regierung in Düsseldorf löst Smog-Alarm aus. Nach vier Tagen ist der ganze „Spuk“ vorüber. Ein Hoch vertreibt die Nebelschwaden, die Sonne bricht zaghaft durch.

Wolfgang Menge, der Autor dieses Films, hat lange recherchiert. Er hat in Nordrhein-Westfalen bei Behörden und in Industriebetrieben gefragt, was passiert, wenn das Land sich einer Smog-Katastrophe gegenübersieht und gezwungen ist, Smog-Alarm auszulösen. Denn Nordrhein-Westfalen ist das einzige Land in der Bundesrepublik, das einen solchen Alarmplan ausgearbeitet hat.

Alle, die Menge befragte, zeigten sich kooperativ, denn: ein Film über den Umweltschutz, wer wollte da passen?

Doch als das Ergebnis seiner Recherchen in einem Film vorlag, der den Ernstfall eines solchen Smog-Alarms simuliert, hagelte es Proteste. Keiner hatte zwar bisher den Film gesehen, doch die einen wollten wissen, daß dieser Film eine industriefeindliche Tendenz habe, weil er den rauchenden Fabrikschloten die Schuld an der Verpestung der Luft zuschiebe. Andere wieder sahen besorgt das Image ihrer Städte in Gefahr: Diverse Ruhrbürgermeister priesen die grünen Lungen ihrer Kommunen, sie wogen Bäume und Rasenflächen gegen die rauchenden Schornsteine auf.

Die Proteste bewirkten eine Publicity, die dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) als dem Produzenten des Films nur recht sein mochte. Er lud ein Dutzend Journalisten aus dem Kohlenpott ein, zeigte ihnen den Film und hatte, was er sich wünschte: eine gute Presse. Von „Bild“ bis „FAZ“ stimmte alles in den Jubelchor ein über den „rußigen Mond von Wanne-Eickel“ („Stuttgarter Zeitung“). Guten Gewissens konnte der WDR alle Pressionen von Industrie und Kommunen zurückweisen. Denn im „Smog“ bekommen alle ihr Fett: die privaten Autofahrer, die nicht einsehen wollen, warum sie ihren Wagen in der Garage stehenlassen sollen, und die Industriemanager, die sich sträuben, ihren Betrieb zu drosseln.