Von Carl-Christian Kaiser

Hannover, im April

Mehr als ein Drittel seiner Schlußansprache in Hannover hat Willy Brandt auf Lob und Trost jener Parteifreunde verwendet, die dem neuen SPD-Vorstand entweder aus eigenem Entschluß nicht mehr angehören oder bei den Wahlen durchgefallen waren. Da war die Rede von dem "beinahe preußisch zu nennenden Pflichtbewußtsein" Alex Möllers wie davon, daß die Niederlage Egon Frankes, zumal zwei Tage nach seinem 60. Geburtstag, "nicht etwas Schmerzfreies" sein könne. Wer es auch war – für jeden Ausgeschiedenen fand der Parteichef ein persönliches Wort.

Brandt entledigte sich damit nicht nur einer protokollarischen Pflicht, auch nicht einer bloßen Solidaritätsübung. Das für den linken wie für den rechten Flügel gleichermaßen überraschende Ergebnis der Wahlen wird noch lange nachwirken. Denn mit der Ausnahme von Hermann Buschfort, dem Bundestagsabgeordneten aus Westfalen, der mehr zum rechten Lager in der Partei gezählt wird, sind die 14 Neulinge im SPD-Vorstand unter dem Rubrum "links" oder "Mitte-links" einzustufen. Ein solches Resultat hatte das linke Lager selbst in seinen kühnsten Träumen nicht erwartet.

Gewählt wurden so gut wie alle Neulinge, die auf den Listen der Linken als unbedingt zu wählen oder als "förderungswürdig" erschienen waren: Hermann Heinemann, stellvertretender Vorsitzender des Parteibezirks westliches Westfalen; Friedel Läpple, saarländischer Parteivorsitzender; Wilhelm Droescher, Parteichef in Rheinland-Pfalz und Oppositionsführer in Mainz; Konrad Porzner, Parlamentarischer Staatssekretär im Finanzministerium; Horst Ehmke, Bundesforschungsminister; Bruno Friedrich, Vorsitzender des Bezirks Franken; Rudi Arndt, Frankfurter Oberbürgermeister; Hans Matthöfer, Parlamentarischer Staatsseketär im Entwicklungshilfe-Ministerium; Peter von Oertzen, niedersächsischer Kultusminister und Chef des Hannoverschen SPD-Bezirks; Heinz Junker, Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Bezirks Ostwestfalen-Lippe; Wolfgang Roth, Bundesvorsitzender der Jusos; Werner Vitt, stellvertretender Vorsitzender der IG Chemie; schließlich Harry Ristock, Senatsdirektor für das Berliner Schulwesen.

Spiegelbildlich entspricht dem die Liste derer, die – von dem ehemaligen saarländischen SPD-Vorsitzenden Kurt Conrad bis zu dem parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Karl Wienand – freiwillig aus dem Vorstand ausgeschieden sind oder die – von der Parlamentspräsidentin Annemarie Renger bis zum innerdeutschen Minister Egon Franke – nicht mehr die erforderliche Mehrheit der Delegiertenstimmen auf sich vereinen konnten. Fast ausnahmslos gehören sie dem rechten Flügel der SPD an.

Dieser Austausch im Führungsgremium der Partei ist freilich nicht nur die Konsequenz aus der Generationsverschiebung und der veränderten Mitgliederstruktur. Alles in allem hat die Linke in Hannover taktisch glücklicher und geschickter operiert. In den Arbeitsgemeinschaften hat sie durch sorgfältige sachliche Vorbereitung gute Figur gemacht. Im Plenum aber hat sie sich, von einigen Ausnahmen abgesehen, nicht zu blindwütigen Attacken auf die vom Vorstand vorgezeichnete Linie provozieren lassen. Hauptsächlich so ist zu erklären, daß das "Mitte-Links" Bündnis, die Allianz zwischen Jung- und Altsozialisten, Gewerkschaftlern und Kommunalpolitikern, die es schon auf dem Steuerparteitag 1971 gab, abermals zustande gekommen ist. Zum ersten Male hat sich der linke Flügel, der sonst alle Kräfte den programmatischen Debatten zu widmen pflegte, auf die Personalentscheidungen konzentriert.