"Der Derwisch und der Tod", Roman von Mesa Selimovič. Der mehrfach ausgezeichnete Roman des 1910 in Tuzla (Bosnien) geborenen Mesa Selimovic greift wie die Romane Andrics in die Vergangenheit Bosniens zurück. Doch wird sie hier aus der türkisch-islamischen Perspektive gezeigt. Ahmed Nuridin, Scheich eines Derwischordens im Sarajewo des achtzehnten Jahrhunderts, berichtet über die letzten Monate vor seinem Tode. Zuerst geriet er, ein gottgefälliger Mann, durch verschiedene Zufälle in politisch gefärbte Affären, die zu seiner Verhaftung führten. Nach Entlarvung der korrupten Behörden, die Nuridin in den Kerker geworfen hatten, hielt er, zum Kadi ernannt, nun selbst die Macht in den Händen und sah sich zu den gleichen Methoden gezwungen, deren Opfer er zuvor gewesen ist. Das Erleiden und Ausüben der Macht treibt Nuridin in den Nihilismus. Der letzte Satz, den er niederschrieb, lautet: "Die Lebenden wissen nichts. Lehrt mich, ihr Toten, wie man ohne Furcht oder wenigstens ohne Entsetzen sterben kann. Denn Tod ist sinnlos, so wie das Leben." Der Roman schildert dramatische Ereignisse und Wendungen, auch der historische Hintergrund und das authentisch eingefangene bosnisch-mohammedanische Ambiente fesseln – doch lebt das Werk vor allem von der Reflexion. Des Ich-Erzählers unentschiedene Haltung, sein Bewußtsein, das die Gegensätze zusammendenkt, ohne sie zu lösen, liegt in der Glaubenslehre des Islam begründet. Jedem Kapitel sind Koransprüche als Motti vorangestellt. Nuridin argumentiert mit Koran-Weisheiten, deren Widersprüchlichkeit der des Lebens analog scheint. Es gibt ein Gespräch zwischen dem alten Kadi Ajni-Effendi und Nurudin, das nur aus Koran-Zitaten besteht – ein literarisches Kabinettstück. Der durchschlagende Erfolg des Romans in Jugoslawien beruhte einerseits auf seiner meisterhaften Sprache, zum anderen auf seinem gleichnishaften Charakter. Man kann ihn – mit aktuellem Hintersinn – lesen als Parabel von der Konfrontation des zweifelnden Intellektuellen mit der Macht. (Aus dem Serbokroatischen von Werner Creutziger; Otto Müller Verlag, Salzburg; 354 S., 29,– DM.) Reinhard Lauer

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"Kompakt", von Maurice Roche. Das unhandliche Quartformat und die Schreibmaschinentypographie entspricht dem Kompositionsprinzip eines Prosawerkes, "das Totalität sein will" im Sinne einer Textpartitur "aus überlagerten Erzählungen, die sich kreuzen, um schließlich nur noch eine einzige zu bilden mit vielen Verläufen. Dabei läßt sich das Buch ... in diachroner und synchroner Lektüre entziffern..." (Roche). "Entzifferung" heißt: Orientierung in einem Labyrinth von fragmentarischen Erinnerungs- und Wahrnehmungspartikeln: "Mnemopolis, die du unter deiner Schädeldecke durchgeistern kannst ... in der Hoffnung vielleicht, jenen Riß wiederzufinden, durch den die Sonne dich mit ihrem Schatten durchdrang und das Vergessen sich einschlich ..." "Kompakt" ist das Gedankenprotokoll eines Erblindeten im Stadium zerfließenden Bewußtseins, fortschreitenden Identitätsverlustes; in Phasen progressiver Attacken physischen Schmerzes. Realitätsfetzen, Bilder aus der zerbröckelnden Eigenwelt, isolierte Reminiszenzen vermischen sich mit Halluzinationen und den wuchernden Reflexionen einer Phantasie, die "Mnemepolis" als Synthese all der Bruch- und Fundstücke dieses zersplitterten Geistes erlebt. Die französische Originalausgabe erschien 1966, als die Strukturalismusdiskussion die gesamte Pariser Intelligenz erfaßt hatte. Innerhalb der komplexen Topographie der strukturalistischen Systeme darf dieses Buch eine Sonderstellung beanspruchen: als eigenständiges literarisches Produkt, das die Anwendbarkeit des wissenschaftlich-theoretischen Instrumentariums der Strukturalisten in einem schöpferischen Bereich demonstriert. (Aus dem Französischen von Irma Reblitz; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 160 S., 36,– DM.) Egbert Hoehl

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"Die verwegenen Abenteuer Mister O’Kellys", Roman von Arthur Weiss. Der im Titel genannte Dennis O’Kelly hat wirklich gelebt; er suchte und fand Ende des achtzehnten Jahrhunderts das schnellste Rennpferd seiner Zeit, den Vollbluthengst Eclipse, auf den – so der Verlag – "die meisten heutigen Rennsieger" zurückgehen. Der hippologisch nicht vorgebildete Rezensent muß diese Behauptung des Verlages ebenso akzeptieren wie die einschlägigen Exkurse zur Beurteilung von Rennpferden, auch wenn er weiß, daß man beim Pferd nicht von "Hinterschenkeln" oder "Hinterbeinen" spricht, wie der deutsche Übersetzer dolmetscht. Dennoch ist dieser munter geschriebene, mit kräftigem Zeitkolorit angereicherte Roman beileibe kein Buch einzig für Pferdenarren. Der Amerikaner Weiss entwirft rings um Stallungen und Rennbahnen ein so stürmisches wie farbenprächtiges Gemälde vom Großbritannien des ancien regime, in dem das politische Ambiente nicht zu kurz kommt, denn Dennis O’Kelly stammt schließlich aus dem unterdrückten, ausgebeuteten Irland, und sein Ehrgeiz – hippologisch-politisch motiviert – geht auch dahin, es den verhaßten Engländern einmal gründlich zu zeigen. Und so werden die Ingredienzien eines intelligent geschriebenen Unterhaltungsromans auch publikumswirksam gemischt: Pferdezucht, Politik, Schuldturm und demokratisches Bewußtsein, Schwarze Messen und erotischer Frohsinn – das alles amalgamiert sich spannungsreich, und für den Literaturfreund treten auch Dr. Johnson und James Boswell populär in Erscheinung. Englands – im Buch apostrophierter – berühmtester Pferdemaler George Stubbs hat diese Welt gemalt (und auch den Wunderhengst Eclipse), wenngleich distanzierter und kühler als Arthur Weiss. Dieser fügt von seiner Palette all die Farbnuancen hinzu, die er dem Publikum von 1973 schuldig zu sein glaubt. Das Ergebnis ist ein Roman, der Historie und Kolportage mühelos. vereint. (Aus dem Englischen von Joachim A. Frank; Marion von Schröder Verlag, Düsseldorf; 386 S., 29,80 DM.)

Eckart Kleßmann