Von "Euthanasie" sprechen wir nicht mehr gern. Zu furchtbar ist dieser human gemeinte Begriff in Deutschland (1933 bis 1945) mißbraucht worden. Und welche "thanasie" wäre schon "eu", auf deutsch: Welches Sterben wäre schon gut. Also setzte Emil Obermann als Thema seiner immer guten und zuweilen hervorragenden ARD-Sendung "Pro und Contra" (am Donnerstag, dem 12. April 1973) nicht Euthanasie, sondern, enger und präziser, "Tötung auf Verlangen". Von dem schwachen Contra-Anwalt abgesehen, war die Sendung sehr informativ und stellenweise eindrucksvoll. Eindrucksvoll war auch das – soweit ich mich erinnere, zum erstenmal in dieser Sendereihe – durch einstündige Diskussion völlig unerschütterte Urteil (Vorurteil?) der Jury. Die gleichen 8 von 25, die vorher gegen Tötung auf Verlangen waren, waren es auch hinterher. Nicht ein einziger der Juroren hatte, durch die Diskussion beeindruckt, seine Meinung geändert. Ich versuche, die Argumente so wiederzugeben, wie sie in dieser Diskussion anklangen. Ich muß mich freilich kürzer fassen.

PRO:

1. Es sei Sache des Sterbenden, und nicht des Arztes, zu bestimmen, wann die Qual des Sterbens ein Ende hat.

2. Wo der Selbstmord nicht bestraft wird, und die Beihilfe zum Selbstmord daher auch nicht: wie kann da "Tötung auf Verlangen", was doch durchaus interpretierbar wäre als tätige Beihilfe zum Selbstmord, bestraft werden?

3. Wenn Sachverständige sagen, Tötung werde von todkranken Patienten (und um die nur geht es hier) so gut wie niemals verlangt – warum sollte der Gesetzgeber mit Strafe bedrohen, was "so gut wie niemals" geschieht?

4. Es wird kaum jemals jemand ernsthaft bestraft wegen des Deliktes "Tötung auf Verlangen". Warum einen Strafrechts-Paragraphen auch im reformierten Strafrecht beibehalten, der praktisch also offenbar nie in Kraft tritt?

5. Tag für Tag und Nacht für Nacht werden in unseren Krankenhäusern Hunderte von Sterbenden aufgegeben, die durch "Artistik" der Medizin (Herz-Lungen-Maschinen zum Beispiel) noch eine Weile am Leben gehalten werden könnten. Tag für Tag und Nacht für Nacht werden in unseren Krankenhäusern Gequälte von ihren Qualen befreit durch Medikamente, die ihre qualvollen letzten Stunden erleichtern und, als Nebenwirkung, verkürzen. Warum dann nicht klare Verhältnisse schaffen: Ein unheilbar Sterbender habe das Recht, seinen Tod zu wünschen.

CONTRA:

1. Die Gefahr des Mißbrauchs einer rechtlichen Einwilligung in die Tötung auf Verlangen ist ungeheuer groß. Ist der Leidende, der den Tod wünscht, zurechnungsfähig, wenn er unter der Tortur schier unerträglicher Schmerzen steht? Ist der (von der Justiz zu fordernde) Zeuge unabhängig?

2. Die Medizin lehrt uns, daß "unheilbar krank" nicht mit Sicherheit definierbar ist. Immer wieder gibt es den einen oder anderen schon Totgesagten, der dann doch überlebt hat – und sei es nur ein paar Jahre Monate... Wochen.

3. Aus orthodox christlicher Sicht ist auch der Selbstmörder schuldig. Niemand darf von sich aus verweigern, als null und nichtig erklären, was sein Schöpfer ihm gegeben hat.

4. Seit Hippokrates (mit Unterbrechungen), seit 2500 Jahren schwören die Ärzte darauf, Leben zu erhalten. Leben zu beenden, geht gegen das ärztliche Berufsethos.

5. Die Kampfmoral der Ärzte, die gegen den Tod gerichtet sein muß, würde geschwächt, wenn zugegeben werden müßte, daß der Tod dem Sterbenden auch Erlösung bedeuten kann.

CONCLUSIO:

Ich bin wie die Mehrheit der Jury-Mitglieder unerschütterlich der Ansicht, daß der Arzt, der auf Verlangen tötet, will sagen: unerträgliche Sterbensqualen beendet, dafür nicht auch noch bestraft werden darf. Die Position der Ärztekollektive, die Verlautbarungen herausgeben über die Würde des Menschenlebens, scheint mir ganz unhaltbar. Die Würde des lebenden Menschen ist mir wichtiger. Der Tod – das kam durch Sebastian Haffner in der Diskussion doch deutlich heraus – sollte Sache des Sterbenden bleiben. Er ist es schließlich, der stirbt. Und wenn "Tötung auf Verlangen" so selten sein sollte, wie sie offenbar ist (wenn wir den vier Sachverständigen dieser Fernsehsendung vertrauen dürfen), dann wirft sie dennoch ein Licht auf das Verhältnis des Kranken zur Institution Krankenhaus. Die Art und Weise, wie ein Patient in dem Augenblick, in dem er die "Anmeldung" überschreitet (erste Pflicht: Formulare ausfüllen!), in vielen deutschen Krankenhäusern entmündigt und als Kind, als Objekt, als Fall, als Krankengut behandelt wird, läßt gar nichts anderes erwarten als: daß er auch über seinen Tod nicht frei verfügen darf. Im übrigen erscheint mir die vorgesehene Gesetzesreform viele berechtigte Wünsche zu erfüllen: Wenn der (nicht strafbare) Tatbestand "Beihilfe zum Selbstmord" weit genug gefaßt wird, schließt er auch die "Tötung auf Verlangen" in den Fällen mit ein, in denen sie als ein Akt humanen oder christlichen Erbarmens verstanden werden darf.

Rudolf Walter Leonhardt