Von Thomas von Randow

Eine alte Zeitungserfahrung lehrt: Es sind die kleinen Artikel, die das größte Echo bei den Lesern finden. Bewahrheitet hat es sich wieder einmal bei einem Beitrag unseres Mitarbeiters Gustav Adolf Henning. Er hatte in dem wissenschaftlichen Fachblatt Die Naturwissenschaften eine kurze Mitteilung der Gießener Ernährungswissenschaftler K.-H. Wagner und I. Siddiqi entdeckt: "Die toxischen Inhaltsstoffe der Mikroalge Scenedesmus obliquus." Diesen Beitrag hielt er für so wichtig, daß er an dieser Stelle darüber berichtete ("Ungenießbares Algeneiweiß", ZEIT Nr. 13). Denn Professor Wagner, der Direktor des Instituts für Ernährungswissenschaft II der Universität Gießen, und sein Mitarbeiter Dr. Siddiqi hatten zwei krebserregende Stoffe und bedenkliche Gehalte an Blei, Quecksilber und Arsen in Grünalgen gefunden, die von der Kohlenstoffbiologischen Forschungsstation in Dortmund gezüchtet worden sind. Wichtig ist dieser Befund deshalb, weil die Algenzüchtung dem Zweck dient, die Mikroorganismen der menschlichen Ernährung nutzbar zu machen.

Immer wieder liest man über den Eiweißmangel, der in der Dritten Welt allenthalben herrscht und die ganze Menschheit bedroht, falls sie fortfährt, sich explosionsartig zu vermehren. In diesem Zusammenhang wird gern darauf hingewiesen, daß es noch unerschlossene Nahrungsquellen gibt, allen voran die Algen. Diese meist einzelligen Lebewesen wandeln die von der Sonne gelieferte Energie besonders gut in Eiweiß um, mit dem die menschliche Nahrung oder das Viehfutter angereichert werden kann.

Wagner und Siddiqi jedoch untersuchten solche Algen und befanden: Sie nehmen aus der Umwelt zu viele giftige Substanzen auf, deshalb sei "die Verwendung solcher gezüchteter Nahrungsmittel für die tierische und die menschliche Ernährung nicht vertretbar".

An der Universität Gießen aber gibt es noch das Institut für Ernährungswissenschaft I, dessen Direktor H.-D. Cremer ganz anderer Ansicht ist als sein Kollege vom gleichnamigen Institut römisch zwei. Professor Cremer weist auf den Eiweißmangel und seine katastrophalen Folgen in den Entwicklungsländern hin und erklärt: "Zahlreiche Wissenschaftler in allen Teilen der Welt arbeiten erfolgreich an der Schöpfung oder Nutzbarmachung neuer Eiweißquellen. Dazu gehören auch Algen. Ist es der ZEIT würdig", so fragt der Gelehrte, "alle diese hoffnungsvollen Ergebnisse abzuqualifizieren mit dem Hinweis auf eine nur wenige Zeilen umfassende wissenschaftliche Mitteilung von Ergebnissen an zwei Proben einer der vielen Algenarten?"

Den Hinweis auf die Kürze seiner Mitteilung hält Wagner für "kein Argument analytische Daten zu entkräften". Denn "wissenschaftliche Arbeiten", so schreibt er uns, "werden nicht nach Zahl der Zeilen gewertet".

Professor Cremer aber teilt weiter mit, in den gleichen Grünalgen zum Beispiel in Proben, die aus einer Versuchsanlage in Thailand stammten, habe man nur "völlig belanglose Spuren" von Blei gefunden. "Daß man toxische Spurenelemente in zwei Proben von Algen fand", so fährt der Forscher fort, "die in einem offenen Becken in Dortmund, also in einem der am stärksten unter Umweltverschmutzung leidenden Teile der Bundesrepublik gezüchtet wurden, ist sicherlich alarmierend und gibt Anlaß nach der Quelle der Verschmutzung zu suchen. Das ZEITmagazin berichtete gerade über die Bleiverseuchung von Gemüse und Grünfutter im Raum Nordenham. Man hat die Verschmutzungsquelle... ermittelt und beseitigt. Würde der Kommentator der ZEIT statt dessen empfohlen haben, Menschen kein Gemüse und Kühen weder Gras noch Heu mehr zu geben?"

Hierzu Wagner: "Da die Schwermetalle schon in ‚Spuren‘ toxisch wirken können, sollte der Begriff belanglose Spuren‘ bei der gefürchteten Wirkung des Bleis im Organismus durch eine wissenschaftliche exakte Konzentrationsangabe ersetzt werden. Leider fehlen (bei Cremer) Angaben über Gehalte der (thailändischen) Algen an Schwermetallen wie Arsen, Cadmium, Quecksilber und andere, die den veröffentlichten Werten in den Naturwissenschaften hätten entgegengestellt werden müssen." Und zu dem "offenen Becken in Dortmund" meint Professor Wagner, der hohe Schadstoffgehalt stamme aus den Nährmedien (Stickstoff und Mineralien), hinge mit den charakteristischen Stoffwechseleigenschaften der Alge zusammen und mit dem Gehalt des Wassers an Schadstoffen. Dies alles habe sein Kollege vom Nachbarinstitut offenbar nicht in Betracht gezogen. Und so sei dessen Optimismus hinsichtlich der "erfolgreichen Schöpfung oder Nutzbarmachung" neuer Eiweißquellen zwar verständlich, aber eben doch nicht berechtigt.

Wagner ist überzeugt davon, daß "Algenpulver nach neuesten Forschungsergebnissen nicht zu dem dringend benötigten hochwertigen Eiweiß zu zählen ist". Deshalb wären "die für die Herstellung von Algeneiweiß aufgebrachten Mittel sinnvoller für die Entwicklung animalischer Eiweißkonzentrate einzusetzen, da nur diese in der Lage sind, nachprüfbare Normalisierung des durch Unterernährung geschädigten Stoffwechsels zu erzielen".

Angesichts solcher Uneinigkeit der Fachgelehrten fragt sich der Bürger, ob die Bundesregierung gut beraten war, Versuchsstationen zur Erprobung der Mikroalgenprodukte in Indien, Peru und Thailand zu finanzieren und zu unterhalten.

Just diese Projekte, befürchtet der Direktor der Kohlenstoffbiologischen Forschungsstation in Dortmund, C. J. Soeder, könne der ZEIT-Aufsatz von Henning in Mißkredit bringen. Dr. Soeder begehrte sogar den Abdruck einer Gegendarstellung in der ZEIT. Darin heißt es: "Kanzerogene Kohlenwasserstoffe, die in allen Pflanzenprodukten vorkommen, liegen bei Mikroalgen aus Dortmund in Konzentrationen vor, die beispielsweise auch von der Salatpflanze erreicht werden. Der Kohlenwasserstoffgehalt der Algen ist in erster Linie ein Ausdruck der Umweltverschmutzung, nicht aber eine Besonderheit dieser Pflanze."

Demgegenüber erklärt Wagner: "Die Besonderheit der Alge besteht in einem spezifischen Stoffwechsel, der kurzfristig zu einer hohen Schadstoffanreicherung aus der Nährlösung führt. Der Stoffwechsel dieser Organismen sei, verglichen mit dem höherer Pflanzen und Tiere dementsprechend hoch. Und der Ernährungsfachmann rechnet vor: Ein Rind von 500 kg Gewicht produziert in 24 Stunden etwa 0,5 kg Protein. 500 kg Mikroorganismen hingegen könnten in der gleichen Zeit mehr als 50 Tonnen Protein erzeugen. Es sei also die kurzfristige Massenbildungsrate mitverantwortlich für den Schadstoffgehalt der Alge.

Die Behauptung der Kohlenstoffbiologischen Forschungsstation, "daß 20 bis 40 Gramm Algenpulver täglich von gesunden Menschen gut vertragen werden", beantwortet der Gießener Ernährungsforscher mit einer direkten Frage an Dr. Soeder: "Was meinen Sie, wie hoch der Anteil der Gesunden in den von Hungersnot bedrohten Ländern ist, wo neben der Unterernährung schwere Stoff Wechselschäden bestehen?" Und vorwurfsvoll fragt er weiter: "Diesen kranken Menschen wollen Sie bedenkenlos ein Eiweißpräparat minderwertiger Beschaffenheit mit hohem Schadstoffgehalt anbieten?"

Offensichtlich hat Gustav Adolf Hennings 45-Zeilen-Referat in der ZEIT einen handfesten Gelehrtenstreit heraufbeschworen, einen Streit, der, wie uns Professor Cremer schreibt, in den Naturwissenschaften nicht ausgetragen wird, weil er sich mit der Redaktion dieser Zeitschrift darüber geeinigt hat, "nicht eine nach Polemik aussehende Richtigstellung vorzunehmen".

Ich meine, die drei Parteien, die beiden Ernährungswissenschaftlichen Universitätsinstitute und die von Staat und Industrie getragene, ergo auch die Interessen beider vertretende Forschungsstation, sollten ihre Differenzen vor der wissenschaftlichen Öffentlichkeit austragen, zum Beispiel vor den Lesern der Naturwissenschaften. Eine Zeitung ist dafür kaum der geeignete Platz. Zu leicht lassen wir ernährungswissenschaftlichen Laien uns mit Argumenten überfahren, die vielleicht überzeugender klingen, als sie es wirklich sind.

So können wir nur resümieren: Ob Algen geeignet sind, das Eiweißdefizit der Menschheit zu überwinden, ist – nota bene nach über zwanzigjähriger Diskussion darüber – immer noch umstritten. Der Klärung dieser Frage aber bedarf es dringend, weil heute schon erhebliche Steuergelder für die Züchtung solcher Mikroorganismen ausgegeben werden.