Von Thomas von Randow

In der Umgangssprache der Balinesen, einem malayo-polynesischen Dialekt, gibt es kein Wort für „Ausländer“ oder „Fremder“. Um jemanden zu bezeichnen, der von einer anderen indonesischen Insel oder aber aus dem zwölftausend Kilometer entfernten Europa kommt, muß der Eingeborene den gleichen Ausdruck benutzen, mit dem er den willkommenen Besucher vom Nachbarhaus benennt, „tamiu“, zu deutsch: Gast.

Willkommen als Gast fühlt sich der Fremde in der Tat auf dem üppig bewachsenen, tropischen Eiland im Indischen Ozean. Selbst bei den heiligsten Handlungen im Tempel, bei höchst privaten Familienfesten oder Dei der kultischen Massenverbrennung der Toten werden zuschauende Touristen nicht als störend empfunden. Offenbar ecken nicht einmal die rücksichtslosen Reisenden an, die sakrale Verrichtungen mit Blitzlicht photographieren oder sich inmitten andächtiger Stille unbeschwert laut unterhalten.

Balinesen, so scheint es, sind nicht aus der Ruhe zu bringen. Selbst auf den entlegensten sandigen Wegen, die von niemand nur selten erreicht werden, schaut sich niemand nach einem hupend auf einem Motorrad vorbeiknatternden Fremden um. Gemächlich geben die Frauen, die mit ganzen Türmen auf dem Kopf graziös dahinschreiten, die Gruppen miteinander schwatzender Kinder oder die Männer, die zu zweit einen Korb mit einem Schwein darin tragen, den Weg frei. Streß gibt es augenscheinlich nicht, und tatsächlich sollen bei den Eingeborenen auf Bali Herzinfarkt und Magengeschwür so gut wie nie vorkommen.

Diese Gelassenheit mag der Grund dafür sein, daß der Tourismus, der auf Bali keineswegs etwa eine Erscheinung neuester Zeit ist, das Leben, der Balinesen bis jetzt kaum verändert hat, jedenfalls nicht in den Dörfern, in denen die Mehrheit der zwei Millionen zählenden Einwohnerschaft auf der 5800 Quadratkilometer großen Insel wohnt. Immerhin kommen schon seit über hundert Jahren Touristen aus fernen Ländern nach Bali. Anfangs waren es Holländer, zu deren ostindischem Kolonialreich die Insel gehörte; heute sind es Erholungsuchende aus den nicht allzuweit entfernten Städten Australiens, aus Japan, den USA und – besonders seitdem es Neckermann möglich macht – aus der Bundesrepublik Deutschland.

„Verdorben“ von der Zivilisation, die diese „tamiu“ mit sich gebracht haben, sind nur die Städte, die häßliche Metropole Depasar (60 000 Einwohner) und die frühere Hauptstadt an der Balisee im Norden, Singaradja (15 000). Hier gibt es Unzufriedenheit, Verbrechen und Prostitution.

Aber diese Städte sind so uninteressant, daß sie der Besucher, dessen Hotel oder Bungalow ohnehin außerhalb liegt, getrost meiden kann.