Von Joachim Nawrocki

Nunmehr ist auch für die DDR der Zeitpunkt gekommen, die Frage der Herstellung diplomatischer Beziehungen zu den verschiedenartigsten Staaten praktisch zu lösen“, schrieb kürzlich die Ost-Berliner Zeitung. Zu diesen Fragen, die die DDR zu lösen hat, gehört auch die Entsendung von diplomatischem Personal in zahlreiche Länder, die für die DDR-Diplomatie bisher terra incognita waren. Rund achtzig Staaten haben jetzt die DDR anerkannt, vor einem halben Jahr waren es noch weniger als die Hälfte.

Aber die DDR hat vorgesorgt. Wer heute in die Welt hinausgeschickt wird, um Ostdeutschland zu vertreten, hat entweder in der DDR schon eine Karriere gemacht, die für seine Zuverlässigkeit und sein Geschick bürgt, oder er hat eine sorgfältige Ausbildung hinter sich. Die Schulung des diplomatischen Nachwuchses ist freilich nur bedingt mit der Ausbildung in westlichen Diplomatenschulen vergleichbar. Ost-Berliner verstehen sich nicht nur als Abgesandte ihres Landes, sondern auch als Vertreter der Arbeiterklasse und Verfechter der kommunistischen Weltanschauung. Ihre ideologische Schulung ist deshalb besonders gründlich.

Diplomaten der DDR, so schrieb die dem Ost-Berliner Außenamt nahestehende Zeitschrift Horizont, sehen sich oft schwierigen Situationen ausgesetzt, in denen „die Theorie des Marxismus-Leninismus immer wieder eine Anleitung zum Handeln bietet und ihnen bei ihren Entscheidungen einen festen Klassenstandpunkt und ein hohes Standvermögen verleiht“. Da sich die äußeren Umstände, aber auch die jeweils gültige Interpretation der marxistisch-leninistischen Theorien wandeln, werden aktive Diplomaten zur Schulung ins Heimatland zurückbeordert. Erst vor sechs Wochen, nach der Anerkennungswelle, fand im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten in Ost-Berlin ein Diplomatenseminar statt, an dem 150 Botschafter und andere leitende Diplomaten teilnahmen.

Aufgabe des Seminars war es, „die neuen Aufgaben und Probleme darzulegen und zu erörtern, die sich aus der neuen Lage für die Außenpolitik der DDR im Zusammenhang mit ihrer gleichberechtigten Teilnahme am internationalen Leben ergeben“. Referenten waren unter anderen Außenminister Winzer, der im SED-Zentralkomitee für Internationale Verbindungen zuständige Hermann Axen und der Abteilungsleiter im Zentralkomitee, Paul Markowski.

Die Partei schickt nur ihre treuesten Mitglieder ins Ausland. Sie sollen „Söhne der Arbeiterklasse“ sein, „durchdrungen von den Idealen des proletarischen Internationalismus“. Das waren und sind sie denn auch alle, ob sie zur ersten, zweiten oder dritten Diplomatengeneration gehören.

Die Diplomaten der ersten Stunde wurden vor allem in die befreundeten kommunistischen Länder geschickt. Zu einer Zeit, als die DDR auf ausgebildete Diplomaten nicht zurückgreifen konnte, wollte sie nicht ehemalige Repräsentanten des Dritten Reiches beschäftigen. Also schickte man „bewährte Antifaschisten“, die „die Welt aus der Perspektive des Klassenkampfes schon gut kennengelernt“ hatten – in der Emigration oder im Spanienkampf zum Beispiel, oder aber auch in den Antifa-Schulen des „Nationalkomitees Freies Deutschland“ in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft. Zu dieser Generation gehören Leute wie Rudolf Dölling, Lehrer an einer Antifa-Schule und heute Stellvertreter des Außenministers, Altkommunisten wie Johannes Koenig, der in Peking, Moskau und Ulan Bator tätig war, Widerstandskämpfer wie Sepp Schwab, Botschafter in Ungarn und Ausbilder des Diplomaten-Nachwuchses der DDR, oder auch Männer, wie der Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf, der Botschafter in Warschau war, und der derzeitige Botschafter in Neu-Delhi, Herbert Fischer, der sein halbes Leben in Indien verbracht hat.

Die zweite Diplomatengeneration hat einen völlig anderen Werdegang. Klassenbewußt und parteiergeben ist auch sie, doch sie hat sich in den Ministerien und Organisationen der DDR nach dem Kriege fleißig, zielstrebig und ideologisch sattelfest nach oben gearbeitet. „Das sind Leute so wie ich, die eigentlich mehr aus Zufall ins Außenministerium gekommen sind“, berichtete einmal der ehemalige stellvertretende Außenminister und jetzige Botschafter in Prag, Herbert Krolikowski.

Diese zweite Gruppe gibt heute den Ton an. Im Außenministerium sind das – wenn man vom Altgenossen Minister Otto Winzer absieht – Peter Florin, Ewald Moldt, Georg Stibi; und auf den wichtigsten Posten im Ausland Horst Bittner in Moskau, Günter Kohrt in Budapest und Horst Grunert als Leiter der Beobachterdelegation bei den Vereinten Nationen. Sie sind Funktionäre mit langjähriger Erfahrung, aber in der Regel ohne spezielle Diplomatenschulung. Nicht selten kamen sie aus dem Außenwirtschaftsministerium, wurden Leiter von Handelsvertretungen und bei Aufnahme diplomatischer Beziehungen Geschäftsträger oder Botschafter,

Vor allem diese Generation ist derzeit vom Revirement betroffen: Aus dem Kultusministerium wurde der frühere Minister Klaus Gysi als Botschafter nach Rom geschickt, sein ehemaliger Staatssekretär Dieter Heinze vertritt die DDR bei der UNESCO in Paris. Kohrts Vorgänger in Budapest, Herbert Plaschke, und der ehemalige Botschafter in Havanna, Joachim Naumann, stehen noch zur Disposition und werden vermutlich auch verantwortungsvolle Posten bekommen.

Die dritte. Generation der DDR-Diplomaten steht derzeit im zweiten Glied: Gründlich vorbereitet, gut ausgebildet und sorgfältig ausgewählt, wartet sie auf ihre Chance. Und die Aussichten sind gut: Denn es werden nicht nur rund vierzig neue Botschafter gebraucht, sondern eine weit größere Zahl von Botschaftsräten und Sekretären. Die Besetzung der neuen Botschaften scheint nicht einfach zu sein. In rund zwanzig Entwicklungsländern, die in der DDR schon mit einem Botschafter vertreten sind, fehlt noch der entsprechende Vertreter Ost-Berlins.

Auf die Frage, ob die DDR genügend diplomatisches Personal habe, sagte Otto Winzers erster Stellvertreter, Peter Florin, vorsichtig: „Na, welcher Leiter in unserer Republik wird öffentlich erklären, er habe genügend Kader?“ Aber man müsse nicht bei Null beginnen, die DDR habe sich gut vorbereitet. Nachwuchs komme nicht nur von den eigenen Hochschulen, sondern „eine Reihe junger Menschen hat ihre Ausbildung im Marxismus-Leninismus in der Sowjetunion erfahren, wofür wir den sowjetischen Genossen großen Dank schuldig sind“.

Für die Ausbildung des Diplomatennachwuchses sorgen heute das „Institut für Internationale Beziehungen“ an der Babelsberger Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften der DDR – die, vor kurzem noch Walter Ulbrichts Namen führte – und das Moskauer Institut für Internationale Beziehungen und die Diplomatenhochschule des Moskauer Außenministeriums. Leiter des Babelsberger Instituts war lange Zeit Professor Herbert Kröger, der die KPD beim Verbotsprozeß in Karlsruhe verteidigte; jetzt ist es Professor Gerhard Hahn.

Die Ausbildung in Babelsberg dauert in der Regel fünf Jahre; Teilnehmer mit abgeschlossener Hochschulbildung benötigen mindestens zwei Jahre; das Studium in Moskau dauert sogar sechs Jahre. Die künftigen Diplomaten sollen Abitur und einige Jahre Praxis in der Wirtschaft oder im Staatsapparat haben; außerdem sind drei Praktika vorgesehen: in einem Betrieb, im Außenministerium und in einer Auslandsvertretung. Die Ausbildung schließt mit einem Staatsexamen und der Verleihung des Staatswissenschaftlichen Diploms ab.

In Babelsberg studieren etwa 500 Diplomatenanwärter. Sie kommen, wie es heißt, zu einem Drittel aus der „materiellen Produktion“, sie sind „Bestarbeiter“, Meister, junge Ingenieure, zwei Drittel stammen aus Partei- und Staatsfunktionen. Die Grundlagen des Studiums sind die marxistisch-leninistischen Gesellschaftswissenschaften: Philosophie, politische Ökonomie und die Lehre vom Klassenkampf. Deshalb meinen die DDR-Diplomaten auch, sie seien ihren Kollegen aus westlichen Staaten überlegen.

Zur weiteren Ausbildung gehören Geschichte, Entwicklung der internationalen Beziehungen und Wirtschaftsbeziehungen, Völkerrecht, Völkerkunde, Politik und Außenpolitik der wichtigsten Länder; Weltwirtschaft, Praxis und Protokoll des diplomatischen Dienstes sowie Arabisch, Indonesisch oder Urdu werden in der Regel in Moskau erlernt. Denn anders als westliche Diplomaten werden die DDR-Repräsentanten nicht heute in diesem und morgen in einem anderen Erdteil eingesetzt. Sie sollen ein Land, einen Kulturkreis, einen Wirtschaftsraum möglichst genau kennen, um enge und vielfältige Kontakte pflegen zu können.

Aber auch die beste Ausbildung genügt nicht, wenn die Diplomaten nicht, wie Direktor Gerhard Hahn fordert, „fest auf dem Boden des deutschen Arbeiter- und Bauernstaates stehen und in ihrem Gesamtverhalten jene Persönlichkeitsmerkmale des aufrichtigen, kämpferischen Sozialisten zeigen, auf denen man die Qualifikation zu einem Diplomaten der deutschen Arbeiterklasse aufbauen kann“.