Kindliche Naivität, uneingeschränkte Begeisterungsfähigkeit auf der einen, nüchterne Rekorde und überraschende Siege auf der anderen Seite – das ist die Schwimmerin Christel Justen. Die 15jährige Schülerin vom SV Aachen 06 ist hierzulande die bisher größte Entdeckung des nacholympischen Jahres. Seit Wochen bietet der kaum 50 kg schwere Teenager fast regelmäßig der Fachwelt neue Überraschungen. Ihre bemerkenswerte Erfolgsserie begann beim Internationalen Schwimmfest in Bremen, wo Christel Justen die amerikanische Olympiasiegerin Cathy Carr und die sowjetische Europarekordhalterin Galina Stepanova schlug. Die Hansestadt hatte ihre Sensation und Christel ihre erste große Enttäuschung, denn sie kehrte krank nach Hause zurück. Wegen der Röteln wurde aus der geplanten Südafrikareise nichts, statt dessen folgte eine längere Trainingspause. Der sportliche Rückschlag blieb jedoch aus. Zwei Wochen später, bei den Westdeutschen Meisterschaften in Bochum, schwamm das blonde Mädchen mit 1:14,1 Min. einen hervorragenden Deutschen Rekord über 100-m-Brust, selbst auf der kurzen 25-m-Bahn eine Weltklasseleistung.

Ihre Klubkameradin Waltraud Matthieu erzielte bei der gleichen Veranstaltung genau 1 Minute über die 100-m-Kraulstrecke und lenkte durch diese glänzende Zeit die Aufmerksamkeit endgültig auf die Schwimmerinnen des SV Aachen 06 und deren Trainer. Der Mann, der hinter den Erfolgen steht, ist eine ungewöhnliche Persönlichkeit. Der 35jährige Claus Vandenhirz, gelernter Elektromeister, ist im Trainerberuf Autodidakt. In seiner Jugend zwar selbst aktiver Brustschwimmer, galt sein Hauptaugenmerk später jedoch dem Damen-Wasserball. Als 1970 die Schwimmbundesliga gegründet wurde, verlegte er sich wieder auf seine eigene Disziplin. Er hat keine offizielle Qualifikation, dafür aber Erfolge. Wie lautet sein Rezept?

„Ich habe die anderen beobachtet, in München bei den Olympischen Spielen die Endläufe gefilmt und daraus meine Schlüsse gezogen. Durch die schlechten Bedingungen in Aachen war ich auch gezwungen, neue Trainingsmethoden auszuarbeiten. In der kurzen Zeit, die uns zur Verfügung steht, müssen wir sehr hart arbeiten und mehrmals am Tage. Doch auch das hat seine guten Seiten, denn ein lang andauerndes Training führt oft zur Unlust der Aktiven.“

Tatsächlich sind die Bedingungen in Aachen beinah primitiv zu nennen. Wegen der herrschenden Hallenmisere muß Christel Justen das Becken meist mit 100 anderen Mädchen ihres Vereins teilen. Für die Bundesligaschwimmerinnen bleibt eine einzige Bahn reserviert, deren Länge von nur 25 Metern ebenfalls die Entwicklungsmöglichkeiten arg einengt. Das so unerläßliche Krafttraining fand eine Zeit lang in einem Kloster statt, Claus Vandenhirz zuliebe, der dorthin geschäftliche Kontakte hatte. Heute bilden die Mädchen ihre Muskeln in einem winzigen Nebenraum des Schwimmbades, wobei sie die Geräte meist an die Klinken der Damen- und Herrentoilette hängen. Eine wirklich unwürdige Umgebung, die nur der unerschütterliche Glaube an den Erfolg wettmachen kann. Der Ruhm fasziniert auch Christel Justen:

„Wenn man auf dem Siegerpodest steht, dieses Gefühl, da kann man nicht aufhören.“ Sie hält den Kopf etwas geneigt, und aus ihren grau-braunen Augen strahlt eine Ehrlichkeit, die dieser Aussage jedes falsche Pathos nimmt. Was sie sagt, meint sie wirklich und ist bereit, dafür auch Opfer zu bringen. Der Tag der Christel Justen beginnt um 5 Uhr 30 morgens und endet meist um 22 Uhr abends. Dazwischen liegen Elternhaus, Schule, Schwimmbad, Training, Hausaufgaben und Straßenbahnfahrten. Manchmal, an wettkampffreien Sonntagen, ein Besuch in der Diskothek, flotte Musik, aber kaum Tanz.

„Tanzen tut einer Schwimmerin nicht gut“ – meint Christel Justen, und es kostet sie keine große Überwindung, sich daran zu halten. Sie ist wohl eine Ausnahmeerscheinung, auch im Wasser. Eine ungewöhnlich hohe Zugfolge darakterisiert ihren Stil. Dabei erinnert sie etwas an die Amerikanerin Cathie Ball. Die 100 Meter im rhythmischen Stakkato herunterzukurbeln, das verlangt viel Kraft. Trainer Vandenhirz weiß es, und er tut etwas dafür. Als der Westdeutsche Rundfunk ein Porträt der Christel Justen drehte, durfte das Kamerateam einen Raum nicht betreten. Dort steht nämlich ein von Claus Vandenhirz erfundenes neues Gerät, das für spezielle Kraftübungen konstruiert und zum Patent angemeldet wurde.

Seine Wirkung half Christel Justen sicherlich, als sie bei den 6. Internationalen Hallenmeisterschaften der Bundesrepublik in Hamburg die letzten Unkenrufe der Skeptiker widerlegte. Sie schwamm 1: 15,26 Min. im 50-m-Becken und löschte den ältesten deutschen Rekord von Uta Frommater aus. In München hätte diese Leistung die Bronzemedaille bedeutet.

Aus Hamburg trat die Gruppe sofort eine Reise nach Italien an Bei Genua bietet ihnen ein befreundeter Verein das, was Aachen nicht offerieren kann: ein 50-m-Becken zum Training. Trainer Vandenhirz liebäugelt auch mit dem Europarekord von 1 : 14, 7 Min. Doch Christel Justen sagen die Zahlen nicht viel. Für sie zählen zuerst einmal die Siege und keine Rekorde. Auf die Frage, was sie von sich selbst erwartet, antwortet sie artig: „Das weiß nur mein Trainer!“ Stefan Làzár