In einer kleinen Gemeinde im US-Bundesstaat Pennsylvania ist ein "Wunder" zu Ende gegangen – ein Dutzend Jahre nachdem es die Wissenschaftler entdeckt hatten. Die 1600 Einwohner des Pennsylvania-Fleckens Roseto sind italienischer Abstammung. Ihre Vorfahren waren 1882 aus Süditaliens Weizenkammer Apulien nach Amerika gekommen. Gemeinsam hatten sie ihre Blockhäuser an einem Berghang gebaut und gemeinsam verdingten sich die Männer in den nahen Schieferbrüchen – für 50 Cents Tageslohn. Enger Zusammenhalt und die Pflege überkommenen Brauchtums sicherte den Neuankömmlingen aus Italien das Überleben und Weiterkommen in der Neuen Welt. Und anders als viele Einwanderer-Gemeinschaften, die Amerika zuerst durch Weiterziehen in Geld und Glück verheißende Gegenden kolonisierten und später dann die Städte bevölkerten, blieben Rosetos Bewohner seßhaft.

Noch heute sind 95 Prozent aller Rosetonier italienischer Abstammung und wer nicht aus Roseto in Italien kommt, der muß auch jetzt noch zwölf oder mehr Jahre warten, ehe er in einen der folkloristischen Klubs aufgenommen wird. Gegenüber ihren Nachbarn und Arbeitgebern, britischen und walisischen Bergleuten, denen die Schieferbrüche gehörten, hatten sich die Rosetonier abgekapselt, dennoch ein ausgelassenes Leben geführt, das ihnen schnell den Ruf von Schlemmern einbrachte: Rosetos Bewohner waren berühmt für ihre Fähigkeit, Unmengen zu essen.

Was schließlich die Mediziner auf den Plan rief, war die Zusammensetzung der opulenten Schlemmermahlzeiten. Generationen lang bevorzugten die Rosetonier Speisen, deren hoher Gehalt an Cholesterin fast jeden Mediziner dazu gebracht hätte, schnellstens das EKG-Meßgerät herbeizuholen oder doch zumindest den Blutdruck zu messen, wäre ein Roseto-Bewohner zu ihm in die Praxis gekommen.

Allein – nicht einmal das cholesterinreichste Lieblingsmahl in Roseto, "Scarpetti": in Schweineschmalz gebratene grüne Paprikaschoten, dazu Brot, das in eine ebenfalls mit viel Schweineschmalz angemachte Soße getunkt wird, vermochte Gefäßen und Herz der Rosetonier etwas anzuhaben.

Als 1961 eine Forschergruppe der Universität von Texas unter Leitung des Sozialmediziners John G. Bruhn in Roseto anrückte, fanden die Wissenschaftler, daß die Anzahl arteriosklerotischer Herzerkrankungen in der 1600-Seelen-Gemeinde nur ein Drittel so hoch lag wie es nach der US-Statistik zu erwarten gewesen wäre; Kein Roseto-Bewohner unter 47 Jahren hatte je eine Herzattacke erlitten. Mehr noch: die Einwohner in dem Pennsylvania-Dorf schienen mehr und fettreicher zu essen als irgend jemand sonst in Amerika und trotzdem zehn bis zwanzig Jahre länger zu leben. Das ist nun vorbei.

Als das Bruhn-Team vor zwei Jahren wieder nach Roseto kam, um eine Follow-up-Studie zu beginnen, konstatierten die Mediziner, daß sich zwar die Eßgewohnheiten nicht geändert hatten – noch immer wurde viel und fettreich gegessen. Doch sonst war alles anders geworden. "1961 habe ich nie eine Familie gesehen", berichtete Roseto-Forscher Bruhn, "die mit dem Essen begonnen hätte, bevor nicht der ganze Clan versammelt gewesen wäre. Heute kommen sie zu Tisch, grapschen sich irgendeinen Bissen und schon sind sie wieder weg."

Die Forscher aus Texas notierten auch einen Wandel im Zusammenleben. Früher hatten sich die italienischen Einwanderer, so Bruhn, "einander vertraut, Freud und Leid geteilt". Jetzt aber beherrscht der tägliche Konkurrenzkampf das Leben in Roseto. Bruhn: "Jeder möchte zeigen, daß er es besser kann als die anderen." Die enge Familienbindung ist dahin, viele Männer haben .Manager- und Bürojobs angenommen, zu denen sie täglich bis zu 50 Kilometer nach auswärts fahren müssen. Statt zu Folklore-Veranstaltungen zieht es die Rosetonier jetzt zum Golf spielen; alle streben nach Reichtum und Ansehen: das durchschnittliche Jahreseinkommen hat sich innerhalb der letzten zwölf Jahre nahezu verdoppelt.