München

Der Platz sieht wie eine leerstehende Filmkulisse für einen Western aus: Kneipen, die Häuser des Sheriffs und des Arztes, eine Kirche mit Friedhof, Feuerwehr, Schmiede, eine Zeitungsredaktion ("Frontier News") – alles genau so, wie Fernsehzuschauer sich eine Stadt im Wilden Westen vorstellen. Bis vor kurzem war Leben in dieser Stadt. Man konnte im Restaurant sein Steak verzehren, im Hotel übernachten, mit einer Dampflok um die Stadt herumfahren, die verschiedensten Western-Attraktionen bewundern, kurz: vom Wilden Westen träumen. Für den, dem Cowboyromantik etwas gibt, war "Hot Gun Town" bei Grafrath, 40 Kilometer vor München, das Nonplusultra: Zu jeder vollen Stunde gab es einen Banküberfall mit täglich neun Toten, im "Silver Saloon" flogen die Beine von Can-Can-Tänzerinnen, auf der Straße lieferten sich Cowboys Faustgefechte.

Am Anfang der Stadt stand die Idee des cleveren Geschäftsmannes Anton Lötschert, neben seinen florierenden Märchenwald (jährlich 180 000 Besucher) einen Märchenwald für Erwachsene zu bauen. Statt Frau Holle Hinrichtungen, statt Hansel und Gretel die Gefangennahme eines Gangsters – warum sollte so etwas nicht sein Geld bringen?

Gedacht, getan. Lötschert machte einen Plan, ließ ihn genehmigen und baute für 3,6 Millionen Mark auf dem 14-Hektar-Areal, das ihm der bayerische Staat für die Erweiterung des Märchenwaldes verpachtet hatte, eine Westernstadt: "Hot Gun Town." Kaum war der Betrieb in Gang gekommen, hagelte es auch schon Proteste von allen Seiten. Es bildete sich eine Bürgerinitiative, die Lötschert systematische Verrohung der Sitten vorwarf und sich um die Schließung des Freizeitcenters zur Abreaktion pubertärer Relikte bemühte. Auch die Behörden nahmen den findigen Unternehmer genauer unter die Lupe.

Zunächst ging man gegen die Cowboy-Aufführungen vor. Die Behörden prüften die Argumente der Gegner ("Westernkultur führt zum Faschismus") und verboten die Schießereien auf dem Gelände. Nun durfte der Sheriff die Gangster nicht mehr aus dem Sattel schießen. Woraufhin immer mehr Besucher ausblieben. Als der Besitzer den Behörden mit Schadenersatzforderungen drohte, verbuchte er einen kleinen Erfolg: Nun beschieden sie, es dürfe 15 Schüsse täglich auf dem Gelände geben.

Danach erhob die Bürgerinitiative weitere Vorwürfe: Lärmbelästigung, Verkehrsstauungen im Ort, Umweltverschmutzung durch die Sickergruben. Den Gegnern des Unternehmens gelang es nie, mit ihren Absichten durchzudringen. Stand der Westernstadt auch oft das Wasser bis zum Hals: Lötschert zog sich aus der Affäre. Als man ihm jetzt wegen der Abwasserprobleme seine Restaurants schloß, machte er kurzentschlossen seine Stadt dicht und beschloß, die verantwortlichen Behördenvertreter zu verklagen.

Hot Gun Town liegt da wie ausgestorben. Doch während sich die Gegner des Projekts am Ziel wähnen, ist für den Besitzer "die Sache noch lange nicht gelaufen". Anton Lötschert glaubt nicht, daß Wildwestspielen negative Einflüsse haben könne, und ist zum Gegenangriff angetreten. Der Prototyp des Selfmademan findet es nachgerade unverschämt, daß man ihm hier in Grafrath, das ein bißchen Fremdenverkehr nötig hätte, das Leben so schwer macht und seine – für ihn äußerst profitable – Rastlosigkeit lähmt. "Isch muß immer was managen", sagt er, der in Zeitungen als Deutschamerikaner Antony Lötschert firmiert, obwohl er ein waschechter Koblenzer ist – dort spielte er in diesem Jahr auch den Prinzen Karneval.

Ihm geht es ums Geldverdienen, und daran hindern ihn die Behörden und die Bürgerinitiative, die sich seiner Ansicht nach um Politik kümmern sollten, die ihm wiederum schnuppe ist. "Die Sach verlier isch net", meint er, und dazu versichert er: "Die kriege misch net auf die Knie." Er will seine Stadt erst wieder aufmachen, wenn alle Unklarheiten und Kompetenzschwierigkeiten aus der Welt geschafft sind.

Nicht nur finanziell fühlt er sich stark, er glaubt auch, die besseren Argumente auf seiner Seite zu haben. Verschmitzt weist er auf die "Kapitulationsurkunde" aus dem Karneval in Koblenz. Dort hat vor der "Tollität Prinz Toni I. von Hot Gun" immerhin kein Geringerer als der Kommandierende General des Dritten Korps der Bundeswehr kapituliert. Ludwig Maaßen