DIE ZEIT

Rainer Barzel gibt auf

Rainer Barzel hat das Handtuch geworfen. Er ist am Mittwoch morgen als Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU zurückgetreten. Die Niederlagen des Oppositionsführers sind auf fatale Weise mit seinen halbherzigen Bemühungen verknüpft, die Union in der Ostpolitik auf neuen Kurs zu bringen.

Deutschland zu zweit

In dieser Woche geht eine Epoche deutscher Geschichte zu Ende. Die Fiktion der deutschen EinStaatlichkeit, brüchig seit langem, wird endgültig zu Grabe getragen, die Realität der Zweistaatlichkeit anerkannt.

Halbe Kraft voraus

Schließlich erliegen auch Politiker der Magie der Zahl. Seit langem gilt die Rückgewinnung der Stabilität als wichtigstes innenpolitisches Ziel, seit Monaten beschleunigt sich der Preisauftrieb – aber in Bonn beschränkte man sich auf Maßhalte-Appelle und ließ alle konjunkturpolitischen Pläne in Schubladen schmoren.

Schwankender Grund

Zumal die Europäer kann die Frage nicht gleichgültig lassen, welche Außenpolitik Richard Nixon angesichts seiner inneren Bedrängnis betreiben will und kann.

Rauhes Klima

In der SPD ist das Klima rauher geworden. Wie schon bei den Wahlen zum SPD-Vorstand auf dem hannoverschen Parteitag sind nun auch bei der Vervollständigung des SPD-Präsidiums aus den Reihen des Vorstands Überraschungen nicht ausgeblieben – diesmal freilich zu Lasten der Linken.

Worte der Woche

"Während man sich bei der SPD zeitgemäß mit Fristen- und Indikationslösungen herumschlägt, scheinen bei der CSU noch Kräfte darüber nachzudenken, ob der Kaiserschnitt ethisch und juristisch zu rechtfertigen sei.

Zeitspiegel

Die israelische Regierung nimmt es sehr genau: Journalisten aus der Bundesrepublik, die Bundeskanzler Brandt nächsten Monat nach Israel begleiten wollen und über 45 Jahre alt sind, müssen nach einer Meldung des Londoner "Guardian" eine Art Entnazifizierungs-Papier vorweisen.

Wolfgang Ebert: Präsidenten-Privileg

"Ihm jedenfalls nicht unbedingt viel", erfuhr ich von Jeff. "Allerdings gibt’s in unserer Geschichte keine Präzedenzfälle. Im übrigen ist es unvorstellbar.

SPD: Präsidium komplett

Die erste geheime Wahl im SPD-Vorstand wurde am Montag zur Kampfabstimmung. Jochen Steffen, Linksaußen der Parteiprominenz, blieb dabei auf der Strecke.

Regierung will die Konjunktur dämpfen

Die enormen Preissteigerungen der letzten Wochen haben die Regierung alarmiert. Bereits am 3. Mai hatte die Bundesbank den Diskontsatz um ein Prozent auf sechs heraufgesetzt und damit die Kredite verteuert.

Schwere Kämpfe im Libanon

Das gespannte Verhältnis zwischen dem Libanon und den Palästinensern hat sich innerhalb von acht Tagen zum drittenmal in bürgerkriegsähnlichen Feindseligkeiten entladen.

Nixon schwer belastet

Präsident Nixon wehrt sich verbissen gegen den Verdacht, in die Watergate-Affäre verstrickt zu sein. Das Weiße Haus bestritt am Montag kategorisch, daß der Präsident von dem Abhör-Unternehmen gegen das demokratische Hauptquartier im vorigen Sommer im voraus gewußt habe oder bemüht gewesen sei, die Spuren hinterher zu verwischen.

Ostpolitik: Letzter Baustein

Die Bundesregierung ist dabei, den letzten großen Stein in das Gebäude ihrer Ostpolitik einzufügen. Nach sechs Sondierungsrunden begannen am Montag inPrag offizielle Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik und der ČSSR über die Normalisierung der Beziehungen.

Spanien: Schlag von rechts

Der Messerstich, mit dem ein unbekannter Linksradikaler am 1. Mai einen Unteroffizier der spanischen Politischen Polizei in Madrid tötete, hat den spanischen Reaktionären einen willkommenen Vorwand geliefert.

Argentinien: Macht-Sorgen

Seit den argentinischen Wahlen, die im März den Peronisten einen unerwartet deutlichen Sieg brachten, erfährt Juan Perón am eigenen Leibe, daß die Geister leicht zu rufen, aber schwer wieder in die Ecke zu schicken sind.

Die Charta ist tot

Henry Kissinger schüttelte in Moskau dem KP-Chef Breschnjew die Hand, kaum daß er in Washington von Willy Brandt Abschied genommen hatte.

Zerreißprobe im Libanon: ,,Verbrennt ihre Seelen und vertreibt sie"

Während Israel mit einer monströsen Waffenschau seinen 25. Staatsgeburtstag feierte und aller Welt seine Stärke vordemonstrierte, wurde das anti-israelische Lager von einem neuen Schwächeanfall geschüttelt: Trotz aller arabischen Vermittlungsversuche brach der im Libanon schwelende Konflikt zwischen der Armee und den palästinensischen Guerillas in dieser Woche mit neuer Heftigkeit auf.

Wechsel im Kieler Landtag: Jochen Steffen zog sich zurück

Künftig wird es langweiliger im Landeshaus an der Kieler Förde. Jochen Steffen, Oppositionsführer und bisher Salz in dem manchmal recht faden Eintopf der Landespolitik zwischen Nord- und Ostsee, räumte den Platz an der Spitze seiner Fraktion.

Lokalzeit: Der heiße Müllsommer

Die Müllkippe der 100 000-Seelen-Stadt Wilhelmshaven, nicht weit von der City gelegen, umrahmt von Wohnsiedlungen und Stadtpark, ist in zwei Jahren nicht mehr aufnahmefähig.

Stellenpläne in Nordrhein-Westfalen: Kräftiger Schluck

Die sozialdemokratische Landtagsfraktion beauftragt jetzt einen "Spezialisten", mit den Augen eines "nicht primitiven Sparkommissars" die Stellenpläne der obersten Landesbehörden zu durchleuchten, damit sich alsbald das Parlament "mit den alle Dimensionen sprengenden Tatsachen beschäftigen kann.

So unnütz ist der Club nicht

Rönneberga bei Stockholm im Mai 1973. Heinrich Böll ist der Ruhm gut bekommen. Was man bei Fontane das heitere Darüberstehen nannte – Böll scheint es als heiteres Mitteninnesein zu verkörpern.

Gegen die linken Eiferer

Mit der gerade noch zulässigen Verspätung von fast einem halben Jahr hat Heinrich Böll in Stockholm seine Nobelpreisrede gehalten.

Argumente für und gegen: Ehe und Familie

Offenbar um einem dringenden Anliegen abzuhelfen, hat der Westdeutsche Rundfunk unter seinen Hörern ermittelt, daß mehr als die Hälfte von der auf Ehe gegründeten Familie nichts mehr halten.

Die erweiterte Arbeitswelt

Fast auf den Tag genau zwei Jahre, nachdem sich die Dortmunder Gruppe 61 ein neues Programm gegeben hat, fanden sich erstmals wieder eine Reihe von Autoren der Gruppe 61 zusammen, um in einer ganztägigen Arbeitstagung in Lesungen und Diskussionen gleich zweierlei zu leisten: Erstens zu versuchen, den Begriff "Arbeitswelt" neu zu definieren, und zweitens eine Antwort auf die Frage zu finden: was man denn unter "realistisch schreiben" verstehe.

Die neue Schallplatte

Der Stil der Juilliards mag manchem Mozartianer unbehaglich sein. Ähnlich Rudolf Barschai und dessen Moskauer Kammerorchester nehmen die Amerikaner dieser Musik das wienerische Lokalkolorit.

Komponisten-Nachwuchs für die Oper gesucht: Musikalische Heiratsanzeige

Am Anfang war die Skepsis. Ob es wohl noch möglich sei und einen Sinn habe, einem Komponisten einen Auftrag für eine abendfüllende Oper zu geben, wollte man wissen; ob die musikalische wie die szenisch-dramaturgische Entwicklung, ob vor allem die gesellschaftstheoretischen Maximen nicht inzwischen jeden noch so ernstgemeinten Kompositionsversuch lahmlegen müßten; auch, ob nicht ein junger Komponist heute aus wie falsch auch immer verstandenem Avantgardismus und progressistischem Prestigedenken es weit von sich weise, auf eine so anachronistische Kunstgattung auch nur eine Zigarettenlänge Zeit zu verschwenden.

Zeitmosaik

Der Darmstädter Leonce-und-Lena-Preis für Lyrik wird zum viertenmal ausgeschrieben. Jeder, der in deutscher Sprache Gedichte schreibt und nicht älter als 35 Jahre ist, kann sich beteiligen; ausgenommen sind Autoren, die schon Lyrikbände veröffentlicht haben.

Kunstkalender

Auf dem Gebiet der Handzeichnung bietet die Frühjahrsauktion eine ganze Reihe bedeutender Blätter. Sie beginnt bei einer manieristischen Madonna von Cambiaso und einer pompösen Dradienszene von Guerzino (auf je 6000 Mark geschätzt).

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