Von Dieter Buhl

Die Vermutungen über einen "drittklassigen Einbruchsversuch", wie Richard Nixon im vergangenen August die Watergate-Affäre abtat, sind in den letzten Tagen endgültig der Erkenntnis gewichen, daß Amerika derzeit eine der tiefgreifendsten innenpolitischen Krisen seiner Geschichte durchmacht. Die Wogen des Skandals schlagen immer höher. Sie haben bereits einige der mächtigsten Mitglieder dieser Administration aus ihren Ämtern gefegt. Jetzt bedrohen sie auch den Mann, der das Land regiert und repräsentiert: den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Richard Nixon steht unter dem dringenden Verdacht, früher, als er zugibt, von dem Einbruch in das Hauptquartier der Demokratischen Partei im Watergate-Gebäude gewußt und die Aufklärung dieses Falles behindert zu haben. Bisher hat er diesen Verdacht nicht zu entkräften vermocht. Die Fernsehrede des Präsidenten in der vergangenen Woche jedenfalls provozierte mehr Fragen, als sie beantwortete.

Selbst sein Versprechen an das amerikanische Volk, alles, was in seiner Macht stehe, zu unternehmen, um das Gespinst aus Lug und Trug zu entwirren, hat Nixon inzwischen gebrochen. Sein "Hinweis" vom vergangenen Wochenende an die ehemaligen und jetzigen Mitarbeiter des Weißen Hauses, vom Exekutivprivileg Gebrauch zu machen und alle Aussagen zum Skandal zu verweigern, die den Präsidenten betreffen, machte die Hoffnung zunichte, Nixon werde nun wirklich reinen Tisch machen.

Was bekannt wurde, ist freilich schon schlimm genug: Die Bundespolizei FBI ist in Mißkredit geraten, weil deren bis vor kurzem amtierender Chef Patrick Gray offenbar wichtige Dokumente der Watergate-Affäre vernichtete. Die Nachrichten- und Spionageorganisation CIA wird der Beihilfe bei einem Einbruch in das Büro des Psychiaters von Daniel Ellsberg, des Hauptangeklagten beim Diebstahl der Pentagon-Papiere vor zwei Jahren, verdächtigt. Dem ehemaligen Justizminister und engen Freund Nixons, John Mitchell, wird Teilnahme bei der Planung des Watergate-Coups, dem bisherigen persönlichen Rechtsberater Nixons, Herbert Kalmbach, die Finanzierung des Unternehmens aus Parteispenden und dem offiziellen Rechtsberater des Weißen Hauses, John Dean, Verdunkelungsversuche nach dem Verbrechen vorgeworfen. Die engsten und einflußreichsten Mitarbeiter des Präsidenten, Haldeman und Ehrlichman, wurden belastet und mußten ebenso ihre Ämter verlassen wie der Unterstaatssekretär im Transportministerium, Egil Krogh, und ein halbes Dutzend anderer Mitglieder der Nixon-Administration.

Watergate hat bereits viele Opfer gefordert, und noch ist kein Ende abzusehen. Watergate ist keine der fast "normalen" Korruptionsaffären, die Amerika von Zeit zu Zeit aufschrecken. Das von hoher, vielleicht von höchster Warte gedeckte Verbrechen ist für viele Amerikaner, wie die Kommentatoren bestätigen, zu einem Alptraum von Orwellschen Dimensionen geworden: "Die Republikanische Partei, der Präsident der Vereinigten Staaten beobachtet Sie!"

Es geht nicht um persönliche Bereicherung, um "Whisky, Frauen und Geld" wie bei dem Skandal um Präsident Warren G. Harding. Es steht kein Korruptionsfall zur Debatte wie bei Eisenhowers Berater Sherman Adams oder Lyndon Johnsons Intimus Bobby Baker. Watergate ist vielmehr zu einem Symbol für einen bisher nicht gekannten, skrupellosen Mißbrauch politischer Macht geworden. Und die Einbrüche, das Spionieren, Fälschen, Bestechen, Rechtsbrechen und Lügen – all dies fällt jetzt auf den Mann zurück, der die höchste Macht verkörpert: auf den Präsidenten.