Künftig wird es langweiliger im Landeshaus an der Kieler Förde. Jochen Steffen, Oppositionsführer und bisher Salz in dem manchmal recht faden Eintopf der Landespolitik zwischen Nord- und Ostsee, räumte den Platz an der Spitze seiner Fraktion. Angekündigt hatte er diesen Schritt bereits vor zwei Jahren nach verlorener Landtagswahl; seine angegriffene Gesundheit wird seinen Entschluß bekräftigt haben. Steffens Nachfolger wird Klaus Matthiesen, mit 32 Jahren ein Blitzstarter unter Kieler Karriere-Sozialdemokraten.

Eine landespolitisch-parlamentarische "Ära Steffen" ging damit zu Ende. Denn trotz permanenter CDU-Regierungen hat Steffen in den vergangenen 15 Jahren die Debatten im Haus an der Förde bestimmt. Journalisten suchten ihre Notizblöcke und politische Gegner volle Deckung, wenn der hemdsärmelig-bullige "Rote Jochen" ans Rednerpult eilte. Er gab sich mal zornig, mal zotig, dann wieder drohend oder dämpfend. Stets jedoch ließ er auf seine politischen Gegner ("intellektuell Verblödete") ein Feuerwerk von Attacken niedergehen, jene ihm eigene Mischung aus Analyse, Argumentation und Aggressivität.

Ordnungsrufe des Präsidenten gehörten genauso zu einer Rede "Marke Steffen" wie die Warnung vor einem Mißbrauch seiner Partei: "Die sozialdemokratische Fraktion dieses Landtags ist kein Minimax, den sie beliebig von der Wand nehmen können, um Feuer zu löschen" – Feuer, das er oft genug selbst gelegt hatte und an dessen Wirkung er sich zu wärmen schien.

Dennoch würde man Steffen Unrecht tun, wollte man ihn zum Polit-Pyromanen abstempeln, wie es seine Gegner so oft und gern tun. Dafür ist er zu besorgt um die Zukunft der Menschheit. Nicht von ungefähr sind es die Probleme des Wachstums und dessen Folgen, die Steffen gerade in den letzten Jahren beschäftigten. Den Schleswig-Holsteinern freilich ist Steffen unheimlich, auch wenn er besser Plattdeutsch spricht als sein Kontrahent Gerhard Stoltenberg. So hat der von der Mehrheit der Bevölkerung nicht gewollte Sozialist vor den Konservativen resigniert. Steffens Fehler, und das sagen nicht nur seine Freunde, sei seine Ehrlichkeit.

Der Langzeit-Theoretiker kehrt der Landespolitik den Rücken. Hannover hat ihm neuen Auftrieb gegeben. Als Mandatsträger wird er die kommenden zwei Jahre mehr den stillen Beobachter spielen und über seine politischen Gegner das denken, was er vor 15 Jahren in den Satz kleidete: "Also kläffen sie, die von Marxismus nichts verstehen, munter weiter. Als nächstes Thema empfehlen wir: Wauwau, die Bergpredigt. Wegen möglicher sozial-revolutionärer Konsequenzen." R. B.