Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Westeuropa sind weit weniger harmonisch, als der betont herzliche Empfang für Bundeskanzler Brandt in Washington erkennen ließ. Kaum hatte Brandt am vorigen Donnerstag Amerika verlassen, wurde eine unverhohlene Kritik Nixons an der Europäischen Gemeinschaft bekannt. Sein von Henry Kissinger verfaßter außenpolitischer Jahresbericht an den Kongreß stellt "fundamentale Probleme" in den Wirtschaftsbeziehungen heraus. In ihm wird den Europäern Egoismus und Wirtschaftlicher Regionalismus vorgeworfen.

In einer Passage des Berichts heißt es: "Aber sie wollen den Schutz der amerikanischen Verteidigung und ein unvermindertes amerikanisches politisches Engagement erhalten. Das wirft eine Grundsatzfrage auf: Kann das Prinzip der atlantischen Einheit in Verteidigung und Sicherheit mit der wachsenden regionalen Wirtschaftspolitik der Europäischen Gemeinschaft in Einklang gebracht werden? Wenn die wirtschaftlichen Probleme isoliert oder unter rein technischen Gesichtspunkten behandelt werden, wird jede Seite ihre engen kommerziellen Interessen zu schützen versuchen."

Sicherheit und Wirtschaft sieht Nixon als untrennbare Zusammenhänge an, wenn Interessengleichheit gewahrt werden soll. Demgegenüber hatte Brandt vor dem Nationalen Presseklub in Washington nach seinen Unterredungen mit dem Präsidenten einen deutlichen Trennungsstrich gezogen: Probleme der Sicherheit, für die die Nato zuständig sei, dürfte man mit handelspolitischen Kontroversen nicht vermengen. Der Kanzler hatte "unüberwindliche Schwierigkeiten" in den Beziehungen Europa–USA verneint: "Ein Handelskrieg findet nicht statt."

Der Bundeskanzler bestritt in Washington auch, daß die europäische Integration ein Nachteil für Amerika sei. Die US-Exporte in die Gemeinschaft seien von 1971 bis 1972 von 1,8 auf 2,1 Milliarden Dollar gestiegen. Die amerikanischen Investitionen hätten sich in diesem Bereich seit 1958, dem Gründungsjahr der EWG, um das Siebenfache gesteigert.

Das Kommuniqué über Brandts Gespräche im Weißen Haus hat die europäisch-amerikanischen Sichtunterschiede, die der außenpolitische Bericht jetzt so deutlich macht, mit harmonisierenden Formeln überdeckt. Brandt, nicht als Sprecher Europas, sondern "für Europa", hat bei Nixon sogar erfolgreich dafür geworben, daß er die Europa-Gemeinschaft als Realität in seine Berechnungen ein bezieht.

Hinsichtlich des atlantischen Bündnisses geht der außenpolitische Bericht davon aus, daß die Allianz wegen des veränderten politischen und strategischen Verhältnisses zwischen Amerika und der Sowjetunion neu durchdacht werden müsse. Aus dem Bericht selber und den Erläuterungen Kissingers vor der Presse ergeben sich vier Schwerpunkte in der künftigen Bündnispolitik (siehe auch Dokumente der ZEIT):

  • Die atomare Vorwärtsverteidigung (mit taktischen Atomwaffen) verliert angesichts der "fast vollständigen Parität" an Bedeutung;
  • die Europäer sollen ihren (finanziellen) Beitrag zur konventionellen Verteidigung vergrößern;
  • die US-Truppen in Europa werden nicht einseitig reduziert;
  • die Wiener Verhandlungen über beiderseitig ausgewogene Truppenverringerung (MBFR) sollen mehr Stabilität ohne einseitige Vorteile bringen. Bis zum erwarteten Beginn im Herbst muß ein neues Verteidigungskonzept stehen.