Rings im Lande sammeln Privatleute moderne Kunst, die sie auch freigiebig vorzeigen. Nur im Südwesten tut sich merkwürdig wenig, obwohl es durchaus Gründe für die Vermutung gibt, daß auch hier qualitativ gewichtige Privatsammlungen beheimatet sind. Im Gegensatz zu den Gepflogenheiten an Rhein und Ruhr zieht man am Neckar offensichtlich vor, sich mit seinen Kunstschätzen häuslich einzurichten und nach Möglichkeit anonym zu bleiben. Gelegentliche Stiftungen an öffentliche Institute oder Ausstellungen von privatem Kunstbesitz sind Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Nun endlich ist es den vereinten Bemühungen von Peter Beye und Uwe M. Schneede gelungen, Licht in ein Dunkel zu bringen: "Neuere Kunst aus württembergischem Privatbesitz", eine Stuttgarter Ausstellung in zwei Teilen – die Staatsgalerie präsentiert die "Klassische Moderne" (bis zum 17. Juni), der Württembergische Kunstverein die "Zeitgenossen" (bis zum 27. Mai) –, nichts weniger als die Entdeckung einer unbekannten Sammlerlandschaft.

Die Doppelveranstaltung ist in der Tat geeignet, "klärend und korrigierend auf die Vorstellung vieler über Präsenz und Rang neuerer Kunst in württembergischem Privatbesitz zu wirken" (Peter Beye). Die Frage, wer hierzulande Werke der "Klassischen Moderne" besitzt, bleibt nach wie vor unbeantwortet. Aus Gründen der "Sicherheit des privaten Kunstgutes" – man kann hinzufügen: vermutlich auch zur Abschirmung gegenüber den Finanzbehörden – ist die Provenienz nur dann angegeben, wenn die Herkunft der Leihgaben schon vorher bekannt war.

Immerhin weiß man jetzt, was gesammelt wurde und wird. Es war unschwer vorauszusehen, daß die "Stuttgarter Schule" – Hoelzel, Schlemmer, Baumeister – hervorragend repräsentiert ist und ebenso die Malerei des Expressionismus, der "hierzulande schon in den zwanziger Jahren starke Resonanz fand und auch nach 1945, als Stuttgart durch die Aktivität des Auktionshauses Ketterer ein Zentrum des Kunsthandels war, zu den bevorzugten Sammelgebieten gehörte" (Beye). Zu erwarten war auch die Wiederbegegnung mit den Picassos der Sammlung Bareiss und den Arbeiten von Max Ernst, die im Katalog der großen Retrospektive des Württembergischen Kunstvereins (1970) als Privatbesitz aus Stuttgart und Umgebung ausgewiesen waren.

Es überrascht schon eher, eine Reihe von hervorragenden Gemälden Beckmanns anzutreffen, die alle in der Pariser und Münchner "Gesamt"-Ausstellung (1968/69) nicht zu sehen waren; oder eine schöne Auswahl von Klee-Aquarellen (darunter so "berühmte" Stücke wie "Mild-tropische Landschaft" und "Botschaft des Luftgeistes"); oder interessante Belege von Kandinskys Schaffen während der Bauhausjahre, gruppiert um das "Locker-Fest" (1926), ein Gemälde, das früher im Besitz der Guggenheim Foundation war und 1971 in New York für 105 000 Dollar versteigert wurde. Und dieses Beispiel zeigt auch, daß es in Württemberg kapitalkräftige Sammler gibt.

Nichts von Braque, Matisse, Vlaminck oder Dufy, ein paar Zeichnungen von Masson, zwei Arbeiten von Tanguy und eine prächtige Collage von Laurens ("Porträt der Josette Gris", 1917) – französische Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts wurde und wird in Württemberg anscheinend wenig gesammelt.

Mit einer Ausnahme: Fernand Léger. Von ihm sind neue Arbeiten aus den Jahren 1913 bis 1950 zu sehen – eine Mini-Retrospektive, fast völlig aus dem Bestand einer einzigen Sammlung (eines der Werke gehörte dem Léger-Freund Willy Baumeister). Hier ist, einmal wenigstens, der Schwerpunkt einer Sammlung faßbar.