Der Messerstich, mit dem ein unbekannter Linksradikaler am 1. Mai einen Unteroffizier der spanischen Politischen Polizei in Madrid tötete, hat den spanischen Reaktionären einen willkommenen Vorwand geliefert. Seit diesem Tag protestieren und demonstrieren sie. Die – bereits erfüllten – Forderungen der Polizei nach besserer Ausstattung benutzen sie, um das Regime, das sich gewiß nicht durch Liberalität auszeichnet, wegen "sozialer Nachgiebigkeit" und Scheu vor Härte zu attackieren. Zum erstenmal seit dem Prozeß von Burgos Ende 1970 wittert die Rechte erneut Morgenluft. Noch bekennt sie sich zu Franco. Aber die Gespenster einer Falange-Diktatur kriechen wieder aus dem staatlich verordneten Schmollwinkel.

Franco hat freilich nicht nur mit der Opposition von rechts zu rechnen. Rechtsradikale schlugen nach einer Messe einen Bischof und Priester nieder; ihr Protestruf "Rote Bischöfe an den Galgen" macht seitdem auch vor den Spitzen der katholischen Kirche Spaniens nicht halt. Der provozierte Klerus, in einem mühsamen Prozeß der Lösung vom Staat begriffen, antwortete mit harten Anklagen gegen die Regierung: Mord und Gewalttaten verdienten Abscheu. Doch verantwortlich sei dafür, wer die politische Auseinandersetzung verbiete und den sozial Schwächen weder Gerechtigkeit noch Freiheit noch menschenwürdige Lebensbedingungen gewähre.

Theoretiker des Franco-Regimes versuchen sich mit dem Argument zu salvieren, der Staat müsse zunächst einmal für Ruhe und Ordnung sorgen. So ist denn zu erwarten, daß Franco auch diese Krise meistern wird – mit Härte. Sie garantiert die nächste Krise. H. B.