Zunächst, Ende vergangenen Jahres, wartete die Bundesregierung auf die wichtigsten Lohn- und Gehaltstarifabschlüsse. Dann, als sie am 17. Februar ihr Stabilitätsprogramm beschlossen hatte, auf die Zustimmung der mehrheitlich von CDU und CSU geführten Bundesländer. Und nun warten die Öffentlichkeit auf das, was Bund, Länder und Gemeinden gemeinsam zur Konjunkturdämpfung tun wollen. Während der verschiedenen Wartezeiten des vergangenen halben Jahres wurden die Konjunkturdiagnosen immer düsterer und politische Entscheidungen immer dringender:

„Zwar ist... nicht mit spektakulären Erfolgen bei der Rückführung der Preissteigerungsraten zu rechnen ... doch erwarten wir, daß sich im Verlauf des Jahres 1973 der Preisauftrieb deutlich verlangsamen wird, während er sich ohne verstärkte Stabilisierungsanstrengungen eher beschleunigen dürften.“

Die Sachverständigen in ihrem am 6. Dezember veröffentlichten Jahresgutachten 1972.

„Die Wirtschaft der Bundesrepublik ist gegenwärtig in einer erfreulichen Aufwärtsentwicklung.“ Bundeskanzler Willy Brandt in seiner

Regierungserklärung am 18. Januar.

„Während Wirtschaftswachstum, hoher Beschäftigungsgrad und außenwirtschaftliches Gleichgewicht... auf absehbare Zeit nicht gefährdet sind, bereitet die gegenwärtige und voraussichtliche Preisentwicklung erhebliche Sorge, ... (ihr) vorerst noch gemäßigtes Tempo bietet... derzeit relativ günstige gesamtwirtschaftliche Bedingungen für Stabilitätsfortschritte.“

Aus dem am 17. Februar

vom Kabinett verabschiedeten

Jahreswirtschaftsbericht 1973.

„Wenn die Bundesregierung im Jahreswirtschaftsbericht schreibt, sie strebe eine Wirtschaftsentwicklung an, bei der eine Begrenzung des Anstiegs der Verbraucherpreise im Jahresdurchschnitt auf 5,5 bis sechs Prozent erreicht werden kann, so hat diese Bundesregierung die allergrößten Hemmungen, dies als ein anzustrebendes Ziel zu nennen.

Bundeswirtschaftsminister

Hans Friderichs am 15. März.

„Um eine Tendenzwende in der Preisentwicklung und vor allem in den Erwartungen und Dispositionen herbeizuführen, bedarf es... eines einschneidenden und umfassenden Stabilisierungsprogramms (unter anderem: Konjunkturzuschlag, Kürzung öffentlicher Ausgaben und weitere Kreditverknappung). Diese Strategie trägt ohne Zweifel das Risiko einer Übersteuerung und damit einer Stabilisierungskrise, also eines Rückgangs der Beschäftigung und eines vermehrten Ausscheidens von Unternehmen in sich.“

Vier der fünf führenden

Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem am 16. April

in Bonn veröffentlichten Frühjahrsgutachten.

„Ich bin zuversichtlich, daß es uns zusammen mit unseren Partnern nach und nach gelingt, wieder mehr Preisstabilität zu erreichen, ohne die Vollbeschäftigung in Frage zu stellen.“

Bundeskanzler Willy Brandt

zum 1. Mai.

„... und dann gibt es Menschen in diesem Lande, die verwechseln permanent Überbeschäftigung und Vollbeschäftigung.“

Hans Friderichs am 26. April.

„Die Bundesregierung denkt nicht im Traum an einen Konjunkturzuschlag für alle Arbeitnehmer, da es sich hierbei um einen reinen Unfug handelt.“ Bundesfinanzminister Helmut Schmidt

am 1. Mai in München.

„Es wird darauf ankommen, vor allem die Investitionstätigkeit der privaten Wirtschaft, im Baubereich und überall sonst, aber auch der Gemeinden und der öffentlichen Hände mit zusätzlichen Maßnahmen zu dämpfen. Es wird gewiß einen Schock und vielerlei Geschrei geben. Deshalb werden die politische Mehrheit der sozial-liberalen Koalition und alle Beteiligten Entschlossenheit und Härte brauchen, auch gegen sich selbst.“ Helmut Schmidt am 7. Mai.