Es geht wieder los. Bald steht es wieder auf der Autobahn, das Kraftfahrzeug, In wenigen Tagen ist Pfingsten, dann quellen Deutschlands Stadtbewohner aufs Land, quälen sich über Autobahnen, Straßen, Brücken, quetschen sich an Waldwegen, an Seeufern, bei Freunden und Verwandten, bei Kaffee und Kuchen.

Die Daheimgebliebenen sehen vom Fernsehsessel aus in die Ferne: faszinierende Bilder von kilometerlangen, unbeweglichen Blechschlangen, bei deren Anblick sie sich furchtbar klug und großartig vorkommen (weil man selbst dem Schlangenleiden entgangen ist und weil man dadurch auch andere vor einer weiteren Beengung bewahrt hat) und die Ausflügler für unverbesserliche Narren halten.

Warum fahren so viele Leute in den Asphalt- und Auspuff-Dschungel, wohl wissend, was auf sie zukommt, die ärztlichen Streßwarnungen in den Abgas-Wind schlagend? Wer sind die Leute, die genüßlich zu Hause bleiben? Wie viele hier, wie viele da?

Am Pfingstmontag steht es wieder an den Kiosken dick schwarz auf rot: „Schwarze Pfingsten: 118 (?) Tote auf den Straßen.“ Nach dem Oster-Chaos war die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel des unerquicklichen und unergiebigen Rätselratens um absolute und relative Todeszahlen überdrüssig und beschäftigte sich in einem launigen Streiflicht mit Hintergründen des massenhaften Nahverkehrs.

Sie apostrophierte die Daheimgebliebenen kurzerhand als die „schamlos genießenden Privilegierten“, während die „Teilnahme am garantierten Verkehrschaos nichts anderes ist als eine Flucht – Flucht vor der Unfähigkeit, zu Hause sein zu können, Flucht vor dem Zusammensein, Flucht vor der Isolation der Familien, vor der Wohnsituation“. Das mag in vielen Fällen zutreffen. (Wen wundert es denn eigentlich, daß Großstadtbewohner, die in viel zu kleinen, zu dunklen und zu lieblosen Hinterhofetagen hausen, Auto, Freizeit und Sonne benutzen, um mal ein paar Stunden jene vier Wände zu verlassen, auch um den Preis stundenlangen Wartens auf der Autobahn; da gelten Ärzte mit Streß-Warnungen, diesich selbst im eigenen Swimming-pool-Garten aalen, wirklich nur noch als Pharisäer.) – Andererseits sind alle derartigen Mutmaßungen nicht mit Fakten oder Umfragen belegt. Tatsächlich ist das ganze Phänomen des massenhaften Nahverkehrs in keiner Weise untersucht – weder vom ADAC noch vom sonst so aktiven Verband der Haftpflicht-, Unfall- und Kraftverkehrsversicherer (HUK), noch von der Regierung oder Tourismusexperten.

Es gibt nur Spekulanten. Das gilt nicht nur für die Motive der Nahverkehrer, sondern sogar für die Zahlen über Tote und Unfälle.

Und selbst wenn man sich schließlich auf eine bestimmte Ziffer einigen würde, niemand kann mit Sicherheit sagen: Ist das mehr oder weniger als sonst? Zwar: Selbst wenn für die vier Ostertage insgesamt 200 Opfer gezählt werden, liegt diese Zahl unter dem Bundesschnitt von täglich 56 Verkehrstoten. Aber ist der Vergleich korrekt? Müßte man nicht den normalen Wochenenddurchschnitt (der unter 56 liegt) als Vergleichsmaßstab nehmen? Der ADAC, der die ganze übertriebene Berichterstattung über den Nahverkehr skeptisch beurteilt, ist ebenfalls unsicher. Jedenfalls: „Es ist doch klar, je voller die Straßen, desto geringer das Tempo, desto weniger folgenschlimm die Unfälle.“ Tatsächlich gäbe es nur einen Unfalltyp, den vergleichsweise harmlosen Auffahrunfall.