Von Rolf Vollmann

Die leitenden Damen und Herren des Fremdenverkehrsgewerbes in Baden-Württemberg sind neulich am Bodensee zusammengekommen und haben ihr Land neu unter sich verteilt: so daß es jetzt also das Gebiet, über das ich hier schreiben will, in diesem Sinne gar nicht mehr gibt. Württemberg hat abgelebt, und das wird nun wohl das letztemal sein, daß einer es beschwört.

Fragt man nach den Gründen, die zur Neuverteilung geführt haben, so wird man annehmen müssen, daß der Fremdenverkehr in diesem Lande bislang nicht die erhoffte Blüte erreicht hat. Zwar nimmt Baden-Württemberg unter den Bundesländern nach Bayern einen schönen zweiten Platz ein; man muß aber bedenken, daß der Schwarzwald, daß Heidelberg, Freiburg und Baden-Baden hier mitgezählt sind. Für Württemberg (im alten Sinne) bleibt dann so gar viel nicht übrig.

Württemberg ist wirklich ein Land ohne große natürliche Sensationen. Seelenweitende große Himmel, nervenspannende Riesenberge und herzbeutelnde Weiten fehlen ganz und gar. Es regnet nicht besonders, es schneit nicht besonders, es stürmt auch nicht übermäßig; nach dem Exorbitanten sucht man hier vergebens. Genau das aber macht, wenn man es erst eingesehen hat, den Reiz dieses Landes aus: daß man nämlich nichts Exorbitantes suchen muß. Der moderne Tourist muß das aber: und so kommt es, daß dies kein Land für ihn ist. Dieses Land ist nämlich, wie ich herausgefunden habe, eine Sommerfrische. Wir müssen jetzt nur noch sehen, was das eigentlich ist.

Vor der am Bodensee stattgefundenen fremdenverkehrstechnischen Sinnesänderung reichte Württemberg von Kreßbronn bis nach Mergentheim und von Freudenstadt bis Ulm. Das sind ganz verschiedene Landschaften: der Bodensee, ein Stückchen Allgäu und Oberschwaben im Süden; dann die gewaltige Schwäbische Alb, querliegend von Donaueschingen bis Nördlingen, diesem Ort, der mit seinem Ries jüngst zu beinahe kosmischer Berühmtheit dadurch gelangt ist, daß die amerikanischen Astronauten dort ihren allzu irdischen Blick mit den himmlischen Gegebenheiten des Mondes vertraut gemacht haben; links davon dann ein bißchen Schwarzwald nebst Vorland, Rottweil, Horb, Bad Liebenzell; darüber das reizende Neckarland mit Ludwigsburg und Heilbronn, wo ein Kaiser damals das Käthchen, dieses Seelentrampel, gemacht hat; und dann der Schwäbische Wald und das Hohenloherland, zwei unbekannte Gegenden, denn wer kennt schon Murrhardt, wer kennt Öhringen, allenfalls Schwäbisch Hall, wo allsommerlich ein Haufen fehlgeleiteter Schauspieler auf einer höllisch steilen Kirchentreppe mit Jedermann, mit Faust und dem Käthchen sein Unwesen treibt, und dies bei Nacht, möchte bis Hamburg hinauf noch einen Namen haben.

In großem Maßstab gedacht also drei Landschaften. Zunächst Oberschwaben: heiter, milde, vorderösterreichisch, mit barocken Kirchen besät, von Klöstern durchsetzt. Die Fremdenverkehrsleute haben für Autofahrer die Schwäbische Barockstraße erfunden: Blaubeuren, Obermarchtal, Zwiefalten, Riedlingen, Buchau, Schussenried, Steinhausen – so viele Namen wie Sehenswürdigkeiten. Wobei ich nun sagen möchte, daß diese Sehenswürdigkeiten mit einer solchen Selbstverständlichkeit da sind, daß man ihnen eigentlich gar nichts ansieht. Steinhausen beispielsweise, wenn man in der Gegend Ferien machte und ab und zu hinginge, wäre einem so wohl vertraut schön, daß man, hörte man davon schwärmen als von der "schönsten Dorfkirche der Welt", dies Schwärmen einfach hinnehmen würde als etwas durchaus Verständliches, nicht aber als etwas Aufschreckendes in dem Sinne, daß man nun noch einmal und mit ganz anderen Augen hinsehen müßte. Man hat die Schönheit begriffen, wenn man nur bei ihr ist, man muß nicht staunend die Kamera zücken. Das gehört zu dem, was ich Sommerfrische nenne, hinzu.

Neben der Barockstraße haben die Württemberger sich noch eine Menge anderer Straßen ausgedacht: so die Idyllische Straße, die Albstraße, die Romantische Straße und so fort. Als ob die Reisenden durchs Land fahren, nicht aber dableiben sollten. Dagegen möchte ich ges