Libanesische Wirren

Von Dietrich Strothmann

Beirut, im Mai

An manchen Plätzen, zu manchen Anlässen gleicht Beirut, dem der Beiname „Paris des Nahen Ostens“ sonst zu Recht gebührt, noch immer einer belagerten Festung. Von den blutigen Kämpfen, die zwei Wochen lang zwischen der Armee und den Palästinenser-Kommandos ausgetragen wurden und die rund 300 Tote kosteten, entdeckt der Besucher nur dann und wann Spuren: Ein paar Einschußlöcher oder zerborstene Balkonwände bei den Appartementhäusern, die oft nur auf Steinwurfweite von den Fedajinlagern entfernt stehen. Dann aber, an allen strategisch wichtigen Straßenpunkten, Militärkontrollen, Panzer vor der amerikanischen Botschaft, ein. Begleitschutz von rund zwanzig vollbesetzten Sicherheitsdienstwagen für Außenminister Scheel, die mit Blaulicht und Martinshorn durch die engen Häuserschluchten med. Es heißt, die Leibwache des Bonner Gastes sei mit Eierhandgranaten ausgerüstet gewesen, die sie im Ernstfall sofort aus den Autos geworfen, hätte. Und auf Schritt und Tritt wird einem versichert, lange werde das „erste Einverständnis“, der vorläufige geheime Waffenstillstand zwischen der Regierung und den Rebellen, doch nicht halten. Spätestens im Herbst wird es wieder brennen in Beirut.

Im Libanon ist, außer den Geschäften und dem Geld, ohnehin kaum etwas von Dauer: Ministerpräsidenten kommen und gehen; die Grenzen zum benachbarten Syrien, das den Zwei-Millionen-Staat nach wie vor als eigenes Territorium beansprucht, macht einmal seine Grenzen dicht, ein anderes Mal auf; die Feuerpause-Vereinbarungen mit den Palästina-Partisanen unter: den 300.000 Flüchtlingen, die in 15 Lagern leben, werden geschlossen und wieder gebrochen. Die Libanesen leben auf einem Vulkan. Es sind dennoch Optimisten, bei allen Wirren vor allem darauf bedacht, daß Handel und Wandel weitergehen.

Freilich machen dieser Tage in Beirut auchdüstere Prophezeiungen die Runde: Zwar habe die Armee den Fatah-Freischärlern diesmal energisch Paroli geboten, durch ihre gezielte und wohl auch vorher genau geprobte Gegenattacke auf die Kommandozentrale, in den Lagern nahe der Stadt demonstriert, daß sie sich künftig keine; Übergriffe auf die Souveränität des Libanon mehr gefallen lassen werde. Was aber geschehe, so wird gemunkelt, wenn es Stoßtrupps der Fedajin beim nächsten Mal doch gelänge, in die-Innenstadt einzudringen, wo sie vor Gegenschlägen sicher seien; wenn dann, die Syrer mit ihrer, Palästina-Befreiungsarmee ins Land vorstießen und damit automatisch einen massiven Vergel-> tungsschlag der Israelis provozierten? Israel könnte den Süden besetzen, wo es große Wasserreserven gebe, auf die es angewiesen sei; Syrien würde sich den Norden aneignen. Nur die Stadt Beirut bliebe dann noch libanesisches Staatsgebiet. Das ist nicht nur Schwarzmalerei. Im Libanon ist vieles möglich, Jedenfalls gilt hier: noch die Grundregel: Nur alle hundert Jahre könne sich das labile Land einen Bürgerkrieg leisten. Drei Wochen nach dem Beginn der Kämpfe in Beirut und im Bekatal nahe der syrischen Grenze wird in den Beiruter Amtsstuben erst. einmal. Bilanz gezogen. Und die sieht keineswegs rosig aus. Insgesamt haben Staat und Wirtschaft durch den Konflikt 145 Millionen Mark eingebüßt; Allein die Verluste im Tourismusgeschäft, eine der Haupteinnahmequellen, belaufen sich pro Tag auf 80 000 Mark. In der ersten Maihälfte meldete sich kein einziger Gast an (zur gleichen Zeit des Vorjahres waren bereits 30 000 Touristen im Lande). Die Hotelbuchungen gingen; von 80 auf fünf Prozent zurück; bei einigen Herbergen wurden sämtliche Sommerreservierungen storniert. Als der Flughafen, eines der Angriffsobjekte der Freischärler, wieder geöffnet wurde, nahmen 21.000 Urlauber die Chance sofort wahr und suchten das Weite.

Auch in der Unterhaltungsbranche gingen die Geschäfte schlagartig zurück, verursacht durch, den Ausnahmezustand und die Ausgangssperre, die erst am letzten Wochenende per Regierungsdekret wieder aufgehoben wurden. Die Animiermädchen in den Bars und die Entkleidungstänzerinnen, meist aus Österreich, in den Nacht-, klubs Beiruts waren plötzlich arbeitslos geworden. Die Einnahmeverluste liegen zwischen 50 und 100 Prozent, bei den Lichtspielhäusern bei 2,3 Millionen Mark.