Den Isländern geht es um das Überleben

Von Dieter Buhl

Reykjavik, im Mai

Bis zum Horizont eintönig und grau, nur mitunter belebt von weißen Schaumkronen, dehnt sich die See. Dann, mehr als zwei Flugstunden vom Kontinent, erhebt sich ein Felsen aus dem Meer: Island, die zweitgrößte Insel Europas, vor deren Küsten der jüngste "Seekrieg" ausgetragen wird.

Ursache des Konfliktes sind die deutschen und britischen Trawler, die innerhalb der von Island im vergangenen September einseitig proklamierten 50-Meilen-Zone fischen. Die wenigen deutschen Schiffe – derzeit vielleicht noch zehn –, operieren einzeln und weit draußen. Die britischen Trawler bewegen sich dichter an der isländischen Küste, sie liegen eng beieinander, bewacht von Fregatten der Royal Navy. Seit den Schüssen vom vergangenen Samstag sind sie noch näher zusammengerückt.

Die Attacke des isländischen Küstenwachbootes Aegir auf den Trawler Everton hat auch den britischen Seeleuten klargemacht, daß der Kabeljau-Krieg sein Etikett verdient. Bisher waren die Auseinandersetzungen mit zivileren Mitteln ausgetragen worden. In der Regel forderte die isländische Küstenwacht die deutschen oder britischen Skipper auf, das Fischen innerhalb der 50-Meilen-Grenze einzustellen und die Netze einzuziehen. Kamen die Kapitäne der Aufforderung nicht nach, dann zerschnitten die Isländer mit Hilfe von geschliffenen Ankern die Kurrleinen, an denen die Netze hängen. Den Briten gingen auf diese Weise bisher rund fünfzig Netze verloren, den Deutschen etwa zehn; jedes von ihnen kostet bis zu fünfzehntausend Mark.

Doch die vier oder fünf Löcher im Heck und im Bug der Everton beeindrucken mehr als verlorene Netze und entgangene Fänge. Jetzt ging es um das Leben der Seeleute, die in den Gewässern des nördlichen Atlantik ohnehin kein, leichtes Dasein haben. Auch wenn der Kapitänder Aegir seinen Schießbefehl womöglich im Affekt gab, zornig darüber, daß die Briten seinem Stopp-Signal nicht folgten – der Zwischenfall hat alle Beteiligten tief erschreckt, und am meisten wahrscheinlich die Isländer selbst. Sie wähnten sich kurz vor dem Sieg in einem Streit, bei dem es nach ihrer Meinung in erster Linie auf Nervenkraft ankommt. Jetzt haben sie zum erstenmal selber die Nerven verloren.