Von Julius Schoeps

Leo Baeck, bereits zu Lebzeiten von einem Mythos umgeben, gehört ohne Zweifel zu den bedeutenden jüdischen Gestalten dieses Jahrhunderts. Bislang fehlte jedoch eine umfassende biographische Würdigung seiner Person in deutscher Sprache; die meisten Abhandlungen untersuchen den philosophisch-religiösen Gehalt seiner Gedankenwelt. Rechtzeitig zum hundertsten Geburtstag ist nun eine erste ausführliche Darstellung dieses berühmten Repräsentanten deutsch-jüdischer Existenz vorgelegt worden:

Albert H. Friedlander: "Leo Baeck. Leben und Lehre"; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1973; 300 S., 28,– DM.

Der Verfasser, der Anfang der fünfziger Jahre noch in Cincinnati bei Leo Baeck studiert hat und heute Leiter des Leo Baeck College und Rabbiner der Westminster-Gemeinde in London ist, zeichnet ein verständnisvolles Porträt dieses überragenden Religionsgelehrten, der eine wichtige Rolle in der jüngsten jüdischen Geschichte und im christlich-jüdischen Dialog gespielt hat.

Baeck wurde am 23. Mai 1873 in Lissa (Posen) geboren. Entsprechend der Familientradition war sein, Lebensweg vorgegeben: Dienst an der jüdischen Gemeinde. Er begann ein Studium am jüdisch-theologischen Seminar und an der Universität in Breslau; später wechselte er an die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums nach Berlin und an die dortige Universität, um bei Steinthal, Schreiber, Maybaum und nicht zuletzt bei Dilthey und Cohen seine Studien zu vervollständigen.

Mit diesem Wechsel ging Baeck den Weg von der traditionell-konservativen zur liberal jüdischen Schulung. In seinen ersten Schriften wird deutlich, wie sehr Baecks Denkweise von frühesten Zeiten an feststand: Liberalismus und Bejahung der Wissenschaft. Ein Artikel beginnt mit den Worten: "Wir rechnen Spinoza stets und stolz zu den Unseren" – begreiflich genug für einen Spinoza-Forscher, aber ziemlich gewagt im Hinblick auf eine jüdische Gemeinde, die religiöses Freidenkertum in der Regel ablehnte. Trotzdem: Die liberale jüdische Gemeinde in Oppeln bot um die Jahrhundertwende dem jungen Gelehrten die Gelegenheit, seine Forschungen fortzusetzen, und dem jungen Rabbiner die Möglichkeit, sich mit der Verantwortung geistlicher Führung vertraut zu machen. Baeck nutzte diese Zeit. 1905 erschien sein Buch "Wesen des Judentums", mit dem er die Aufmerksamkeit der jüdischen Gemeinschaft weckte. Es folgte der Ruf an die Düsseldorfer Gemeinde, wo er fünf Jahre blieb.

Im Jahr 1912 wurde er nach Berlin berufen: als einer der Rabbiner der jüdischen Gemeinde und als Dozent für Midrasforschung und Homiletik an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, an der er zum Rabbiner ordiniert worden war. Zu jener Zeit zählte die Berliner Gemeinde ungefähr 150 000 Mitglieder. Baeck betreute sie von 1912 bis zu ihrem Untergang in den vierziger Jahren.