Immer noch darf, wer will, sich. Kosmetikerin nennen. Aber:

Wäre ich gewissenlos, ich würde einem jungen Mädchen empfehlen, einen Kosmetik-Salon aufzumachen. Da kommt man schnell zu Geld. Die einzige Schwierigkeit ist die Beschaffung des Raumes, in dem die Schönheitspflege stattfinden soll. Die Apparate, die Packungen, Cremes und Essenzen werden von den Herstellern nur allzu gerne vorfinanziert. Ein weißes Kittelchen angezogen, etwas Werbung – schon läuft der Laden.

Schönheit steht hoch im Kurs, und die Gläubigkeit der Menschen an die Wunder der Dämpfe, der Elektrizität und der Chemie ist groß. Da fällt es nicht auf, daß die Kosmetikerin ihren Beruf nie gelernt hat. Der Fachjargon wird ihr ohnehin beim Lesen der Gebrauchsanweisungen für ihre Geräte, Masken und Chemikalien eingetrichtert.

Nun gibt es aber auch gelernte Kosmetikerinnen, Frauen, die jahrelang die Anatomie der Haut gepaukt, die sich unter Anleitung von Fachleuten in Massage, Haut- und Fußpflege geübt, den Umgang mit Schönheitspflegemitteln und -apparaten eifrig studiert haben, in einer richtigen Fachschule. Diese Damen mögen nicht mit ihren freiberuflichen Schwestern im verschönernden Gewerbe in einen Topf geworfen werden.

Darum gibt es den Bundesverband Deutscher Kosmetikerinnen, der sich in Verhandlungen mit Ministerien und Arbeitsämtern darum bemüht, die ungelernte Kosmetiker-Spreu vom Weizen der ausgebildeten Schönheitspflegerinnen zu trennen. Vergeblich hat der rührige Verband, der eine einheitliche Berufsordnung und eine staatliche Anerkennung des Berufs Kosmetikerin fordert, Richtlinien verfaßt, Briefe geschrieben, Tagungen veranstaltet und Gespräche geführt. Nichts hat sich geändert. Immer noch darf, wer will, sich Kosmetikerin nennen.

Jetzt reicht’s dem Verband. Also hat er eine Dokumentation veröffentlicht. Titel: „Keine Chance in der Demokratie?“ Sie wirft, so jedenfalls sehen es die Verfasser, „ein Schlaglicht auf das Problem, ob und wie sich eine zahlenmäßig kleine, volkswirtschaftlich unbedeutende Berufsgruppe im Konzert der großen Wirtschaftsgruppen und ihrer Organisationen Gehör verschaffen kann.“

Gewiß, dem Bundesverband geht es um die Vertretung wirtschaftlicher Interessen seiner Mitglieder. Doch ein Argument, das er dabei ins Feld führt, ist ohne Frage beängstigend wahr: Kosmetische Mittel und Apparate sind keineswegs mehr so harmlos wie der Gurkensaft aus Großmutters Zeiten oder das Ziehpflästerchen für Warzen. Die Industrie sucht eifrig nach Chemikalien, die der Patientin nicht nur die Illusion einer Verschönerung geben sollen, sondern tatsächlich auf die Haut einwirken. Da kein Hersteller verpflichtet ist, diese Substanzen unter wissenschaftlicher Kontrolle zu erproben, um möglichen schädlichen Nebenwirkungen auf die Spur zu kommen, sind sicher manche der Präparate potentiell höchst gefährlich. Welche Risiken hier eingegangen werden, erhellt die Tatsache, daß die Firma Panteen unter der Bezeichnung „Eversun“ in diesen Tagen eine Sonnenschutz-Creme in Westberlin auf den Markt bringt, die aus einem rezeptpflichtigen Mittel gegen Hautkrebs entwickelt wurde. Aktiver Bestandteil dieser Creme ist eine DNS-Base, ein genetisch wirksames Material, von dem feststeht, daß es entscheidend in den Stoffwechsel der lebenden Zelle eingreift. Niemand weiß, auf welche Weise dieser Stoff den Sonnenschutz der Haut bewirkt, ergo vermag auch niemand zu sagen, welche anderen, womöglich schädlichen Wirkungen er bei langfristiger Anwendung haben kann.

Kosmetik also ist keine harmlose Quacksalberei mehr; sie kommt der Medizin immer näher. Deshalb wäre eine staatliche Aufsicht hier schon angebracht. Sie müßte freilich nicht nur über die Ausbildung der Schönheitspflegerinnen, sondern vor allem über die Herstellung kosmetischer Präparate geführt werden.Thomas v. Randow