Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Juni

Sie kommen“, so heißt es in einer dieser Tage erschienenen Anzeige der Lufthansa, „Montag mittag...aus Köln/Bonn um 11.35 Uhr an, aus Nürnberg oder Stuttgart um 11.40 Uhr, aus Düsseldorf um 11.45 Uhr, aus Hamburg oder Bremen um 11.50 Uhr, aus Hannover um 11.55 Uhr oder aus München um 12.10 Uhr. Dann können sie mit Lufthansa um 13.00 Uhr nach Genua, Helsinki oder Chicago, um 13.05 Uhr nach Manchester und Glasgow, um 13.10 Uhr nach Rom, Karachi, Delhi, Bangkok, Hongkong und Tokio, um 13.15 Uhr nach New York fliegen – und so fort. So schön ist umsteigen in Frankfurt.“

Daraus ist längst schwarzer Humor geworden. Denn in Frankfurt wird seit dem jüngsten Bummelstreik der Fluglotsen nicht mehr zügig umgestiegen, sondern wie auf fast allen anderen deutschen Flughäfen lange gewartet – sofern dies überhaupt noch einen Sinn hat. Denn erstmals mußte der größte Luftterminal der Bundesrepublik mangels ausreichender Flugsicherung vorübergehend vollständig gesperrt werden. Ähnlich war es in Hannover, Düsseldorf und München. Zum fünften Male seit 1968 müssen die Passagiere entweder in den Warteräumen oder auf den Startpisten, eingepfercht in mehr oder minder vollbesetzte Maschinen, Stunde um Stunde Geduld üben. Verspätungen bis zu einem halben Tag sind wieder die Regel.

Niemand weiß zudem, wo auf welchen Flug überhaupt noch zu rechnen ist. Denn im Gegensatz zu früheren Aktionen verlagern die Lotsen die Schwerpunkte ihrer Bummelei von einem Zum anderen Tag auf diesen oder jenen Flugplatz – sei es, daß sie „streng nach Vorschrift“ arbeiten, sei es, daß sie plötzlich durch „sick out“, durch Krankmeldung, den regulären Betrieb an den Rand des Zusammenbruchs bringen. Bei diesem raschen Wechsel helfen auch Notflugpläne, wie sie die Lufthansa aufgestellt hat, nicht mehr. Die Lufthansa hat schon in der ersten Woche des Streiks Hunderte von Flügen streichen müssen. Der finanzielle Schaden ist noch nicht errechnet.

Er könnte ins ungemessene wachsen, wenn sich der Streik bis in die Ferienwochen ausdehnt, die im bevölkerungsstärksten Land der Bundesrepublik, in Nordrhein-Westfalen, schon Mitte dieses Monats beginnen. Der planmäßige Start der ersten Jumbos nach Mallorca ist bereits behindert worden; Hunderte von Urlaubern mußten per Bus oder Bahn zu anderen Flughäfen befördert werden, auf denen der Betrieb noch einigermaßen normal ablief. Indessen: Nach ersten Additionen haben für den Juni 350 000 deutsche Touristen eine Flugreise, gebucht, für den Juli 400 000 und für den August wiederum 350 000. Was geschieht, wenn sie, mit zusätzlichen Kosten, zu Tausenden auf weniger bestreikte Flugplätze transportiert oder ihre Flüge gar ganz gestrichen werden müssen, ihr Urlaub also praktisch ausfällt, ist bisher völlig ungeklärt.

Hunderttausende von Deutschen könnten auf diese Weise mit einem Problem konfrontiert werden, mit dem sich der Staat seit Jahren erfolglos herumschlägt: Wie eine Funktionselite, die die Fluglotsen nun einmal sind, dennoch in das herkömmliche Beamten- und Besoldungsschema in das die Fluglotsen vor gut zehn Jahren einbezogen wurden, eingeordnet werden kann. Daß die Lotsen, zumindest auf meistfrequentierten Flughäfen, einem besonderen „Streß“ ausgesetzt sind, ist unbestritten: In einem Gutachten kamen die Professoren Rohmert und Rutenfranz von den Instituten für Arbeitswirtschaft der Technischen Hochschule in Darmstadt und für Arbeitsmedizin an der Universität Gießen zu dem Egebnis, daß die Lotsentätigkeit etwa mit der Belastung verglichen werden könne, der die Piloten des ersten Hubschrauber-Transatlantikfluges unterworfen gewesen seien.