Führungsfehler in Frankreichs größtem Stahlkonzern Wendel-Sidélor

Wenn sich ein bekannter Manager mit 67 Jahren von der Spitze eines großen Konzerns zurückzieht, dann sind ihm in aller Regel Lobeshymnen und Dankesworte sicher. Als jedoch jüngst die Aktionäre des lothringischen Stahlriesen Wendel-Sidélor ihren Generaldirektor aufs Altenteil schickten, da rührten sich eher die Hände seiner Gegner zum Beifall.

Louis Dherse, der sich am 1. Juli in den Aufsichtsrat des Wendel-Imperiums zurückzieht, kann nicht mit Stolz auf das Erbe blicken, das er seinem Nachfolger hinterläßt. Er hatte sich am Ende seiner Karriere zu viel vorgenommen – und muß nun seinen Mißerfolg eingestehen. Denn Frankreichs größter Stahlproduzent Wendel-Sidelor steckt seit geraumer Zeit in den roten Zahlen und in einer ernsten Krise.

1971, als Dherse zum Generaldirektor des Konzerns avancierte, konnte sein Unternehmen Verlustausweis nur durch Auflösung von 20Q Millionen Francs Reserven vermeiden. Doch 1972 betrug der Verlust (bei einem Umsatz von 5,6 Milliarden Francs) bereits 400 Millionen. Und auch das laufende Jahr dürfte dem traditionsreichen Familienunternehmen, dessen Aktionäre über 260 Familienmitglieder sind, alles andere als einen glänzenden Abschluß bringen.

Stolz erklärte Henri de Wendel, Chef des Familienclans und bisher Aufsichtsratsvorsitzender des 270 Jahre alten Konzerns: „Unsere Erzminen sind rentabel. Das Roheisen, das wir in unseren hochmodernen Hochöfen produzieren, ist wahrscheinlich das billigste in Europa.“ Doch die Umwandlung in Stahl ist seit jeher das Sorgenkind der Wendeis: Lothringer Erz ist stark phosphorhaltig und in der Qualität anderen Erzsorten weit unterlegen.

Die Suche nach besseren Rohstoffen bedeutete für Wendel-Sidélor auch die Suche nach einem neuen Standort. Die Lothringer folgten dem Trend, Hochöfen an die Küste zu bauen, und entschieden sich für das neue Industriegebiet Fos bei Marseille und damit gleichzeitig für Erz aus Mauretanien und Koks aus den USA.

Der Drang zum Meer wurde aber schnell zum gewagten Abenteuer. Louis Dherse, Absolvent der elitären Hochschule Ecole Polytechnique, wertete die Aktion Fos zu einem Prestigeunternehmen auf – und erlitt dabei Schiffbruch.