Von Dietrich Strothmann

Walter Scheel, der kürzlich Ägypten, Jordanien und dem Libanon seine Aufwartung machte, war der erste deutsche Außenminister, der in die arabische Welt reiste. Willy Brandt, der diese Woche nach Israel fährt, ist der erste Bundeskanzler, der in offizieller Mission den Judenstaat besucht. Basiert diese ungewöhnliche Bonner Doppelstrategie nach langen Jahren nahöstlicher Zurückhaltung auf purem Terminzufall oder handelt es sich um ein programmiertes historisches Ereignis?

Die beiden Reisen markieren einen Wendepunkt in der deutschen Nahostpolitik. Zumindest optisch demonstriert Bonn mit diesen Staatsbesuchen, was es gern glaubhaft machen möchte: seine ausgewogene, ausgeglichene Haltung in der nun schon 25 Jahre andauernden arabisch-israelischen Kontroverse – dem letzten großen internationalen Konflikt nach Vietnam.

Freilich, in der politischen Alltagspraxis ist Ausgewogenheit eine schillernde, doppeldeutige, wenn nicht gar nichtssagende Formel. Sie verhüllt mehr, als sie aufhellt, sie verkleistert eher, als daß sie verdeutlicht. Beide Parteien im Nahostkonflikt erwarten von der Bundesrepublik bestimmte Vergünstigungen – die Araber auf Grund ihrer traditionellen Freundschaft zu Deutschland, seit des Kaisers und Rommels Zeiten; die Israelis nach dem Schrecken des Völkermordes, der eine Blutschuld der Deutschen gegenüber den Davongekommenen begründet hat. Beide erwarten viel von uns: Treue und Trauer, ausgewiesen in Deklarationen und Deutscher Mark. Was heißt in diesem Zwiespalt ausgewogene Nahostpolitik Bonns?

Zu der historischen Bürde, die Politiker wie Diplomaten ohnehin drückt und ihre gerechte Entscheidung zugunsten des einen oder anderen kompliziert, kommt nun noch die aktuelle Last der Wahl, für wen denn in diesem unlösbaren Konflikt der Juden und Araber Stellung bezogen werden soll. Die ständigen Bekundungen, zur Novemberresolution des Weltsicherheitsrates von 1967 zu stehen, geben nicht viel her. Im Ernstfall kommt es nicht auf den Text, sondern ausschließlich auf seine Ausführung an. Die aber steckt voller Widerhaken. Verhandlungen – ja oder nein? Welche neuen Grenzen? Welches Recht für die Palästinenser? Welche Garantien? In der Wirklichkeit der vorderorientalischen Konfrontation ist Ausgewogenheit nur eine Ausflucht. Andererseits hat jedes einseitige Votum automatisch die Sprengkraft einer Bombe. Die kurze Geschichte der Bonner Nahostpolitik belegt das zur Genüge.

Als um 1965 die von Strauß initiierten geheimen deutschen Waffenlieferungen an Israel bekannt wurden, konnte Nasser die Bundesregierung mit der Anerkennung Ostberlins erpressen. Strauß hatte seinerzeit den Handel abgeschlossen, weil die Waffen ein „bescheidener Beitrag der Bundesrepublik zur Bewahrung des Friedens“ sein sollten und Israel „Europas Hintertür bewacht“. Erhard nannte Nassers Werben um Ulbricht einen „feindseligen Akt“, die Ägypter wiederum Bonns Androhung, im Gegenzug die Entwicklungskredite zu sperren, einen „Verrat“. Zu jener Zeit hatten uns die Araber in der Hand – mit dem probaten Druckmittel DDR. Die Israelis aber bedrängten uns mit der wirksamen Mahnung an die deutsche Schuld. Bonn war damals erpreßbar.

Fünfundzwanzig Jahre nach Kriegsende bestimmt in der Bundesrepublik eine neue Generation das Geschehen – eine Generation von Menschen, die im Kriege noch Kinder waren oder noch ungeboren. Die Nachkriegszeit ist vorbei. Das heißt nicht, daß unsere Regierung, unser Staat, unser Volk sich von der Verantwortung für vergangene Verbrechen lossprechen wollten und sich jeder Verpflichtung ledig fühlten. Aber es geht nun mehr um die Gegenwart und um die Zukunft, ohne daß wir, wie es Willy Brandt vor Antritt seiner Reise ausdrückte, „die schreckliche Vergangenheit im Verhältnis zwischen Deutschen und Juden, einschließlich deutscher Patrioten jüdischer Abstammung, übersehen wollten“.