Die Inflationsdebatte macht die Krise des marktwirtschaftlichen Systems deutlich

Von Rudolf Herlt

Man hatte den Eindruck, auf der falschen Veranstaltung zu sein. Wer die Stimme nicht kannte und den Redner nicht sah, hätte vermuten können, ein Minister massiere die Seelen. „Wer nicht die gemeinsame Verantwortung der öffentlichen Hand und der Tarifpartner für die inflationäre Entwicklung anerkennt“, so tönte es in strenger Monotonie durch das Württembergische Staatstheater, „betreibt nur Demagogie und trägt nicht zur Lösung der Probleme bei.“ Und später: „Nur ein gleichgerichtetes Verhalten der Unternehmen, der Gewerkschaften und der öffentlichen Hand kann zurückbringen, was wir früher hatten.“

Es war jedoch Hans-Günther Sohl, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Konnte er solche Sätze Ende Mai 1973 mit reinem Gewissen vortragen?

Er konnte. Gelegenheit dazu bot ihm die Jahresversammlung seines Verbandes in Stuttgart. Wenige Stunden vorher hatten zwar die Arbeitgeber aus der Stahlindustrie Nordrhein-Westfalens mit der IG Metall den berühmten „Nachschlag“ vereinbart, der den Stabilitätsbemühungen der Bundesregierung rundweg ins Gesicht schlägt.

Aber die Arbeitgeber hatten ja ein Alibi. Denn die Gewerkschaft, die Anfang des Jahres den von allen gelobten Tarifabschluß mit einer beinahe konjunkturneutralen Lohnsteigerung von nur 8,5 Prozent vereinbart hatte, hat immer ihre Vertragstreue betont, aber den Hinweis auf die schwierige Lage in ihren Reihen nicht unterlassen, die durch das beschleunigte Inflationstempo entstanden war.

Friderichs wurde deutlich