Von Joachim Nawrocki

Bonn, im Juni

Als der Sprecher des SPD-Parteivorstandes am Mittwoch vor einer Woche noch nicht wußte, ob er das Ereignis bestätigen oder dementieren konnte, da hatte Herbert Wehner längst den Fuß in Erich Honeckers Tür. Die DDR-Nachrichtenagentur ADN konnte exklusiv berichten, daß auf Einladung der SED-Fraktion der Volkskammer "der Vorsitzende der Fraktion der SPD im Bundestag der BRD, Herbert Wehner, in der Hauptstadt der DDR, Berlin", eingetroffen sei. So korrekt war Herbert Wehner in der DDR nur selten tituliert worden.

Es ist noch gar nicht lange her, da wurde Wehner in den Spalten der DDR-Presse nur als "rechter SP-Führer" bezeichnet, da mußte er sich Attribute wie "Weihnachtsmann", "Verräter an der Sache der Arbeiterklasse" und "Überläufer in das Reich der Unmenschlichkeit" gefallen lassen. Das SED-Blatt Neues Deutschland behauptete, Wehner diene "der Klasse, die die Menschenrechte im eigenen Land und anderswo mit Füßen tritt", er habe "den Monopolen die Sozialdemokratie buchstäblich wie Sauerbier angepriesen".

Daß Herbert Wehner, wenn sich ihm die Möglichkeit dazu bot, seinen Fuß in die DDR setzen würde, ist nicht so überraschend, zumal er gehofft hat, auch über humanitäre Fragen mit der SED-Führung sprechen zu können. Aber daß die SED-Fraktion der Volkskammer ausgerechnet ihm die Gelegenheit dazu geben würde, war weniger zu erwarten. Doch die Einladung der Fraktion war offenkundig nur ein Vorwand – für beide Seiten. Wehner wurde nicht einmal vom Vorsitzenden der SED-Fraktion empfangen, dem Politbüromitglied Friedrich Ebert, sondern von Eberts Stellvertreter, Klaus Sorgenicht.

Daß die schon vor dem Breschnjew-Besuch in Bonn eingegangene Einladung so kurzfristig und überstürzt angenommen wurde, hatte ganz aktuelle Gründe. Es bestand die Gefahr, daß die DDR-Führung die Situation, die durch die Verfassungsklage Bayerns gegen den Grundvertrag entstanden ist, nach Kräften auskosten würde. Da sich die Chefunterhändler Bahr und Kohl offenkundig in eine Sackgasse manövriert hatten, ein Treffen zwischen Kanzler Brandt und Ministerpräsident Stoph aber zu deutlich eine Krise signalisiert hätte, die schon im Keim erstickt werden sollte, bot sich die Ebene der Parteifunktionäre als diplomatisches Ausweichgelände an.

Das Treffen Wehners mit Honecker hatte zudem den Vorteil, daß dabei die Bonner Wünsche und Sorgen genau an der richtigen Adresse vorgetragen werden konnten. Die Statistenrolle des FDP-Fraktionsvorsitzenden Mischnick ergibt sich schon daraus, daß ihn Neues Deutschland nicht im Bericht über dieses Treffen, sondern nur in einer Bildunterschrift erwähnt.