Herbert Wehner war stets ein Mann, der mehr Methode hatte als Stil. Mit seiner verstohlenen Reise nach Ostberlin, zum Kaffeeklatsch mit Erich Honecker, hat er das abermals bewiesen. Völlig unnötigerweise rückte er damit ein Unterfangen ins Zwielicht, dessen Gegner sowieso nur darauf lauern, daß er diskreditiert wird: die Normalisierung zwischen Bonn und Ostberlin.

Wenn diese Normalisierung sich entfaltet, dann werden Begegnungen zwischen Politikern und Staatsmännern der beiden deutschen Staaten bald den Rudi des Außergewöhnlichen verlieren. Das ist der Zweck der Übung; so soll es sein. Gerade deshalb aber hätte es nicht passieren dürfen, daß die erste Begegnung dieser Art ausgerechnet von unserer Seite mit einem Schleier der Geheimniskrämerei umhüllt, ja, in eine Aura des Konspirativen getaucht wurde. Für solche demokratische Stillosigkeit kann es kein Verständnis geben.

Nichts hätte Herbert Wehner daran hindern dürfen, der Öffentlichkeit ein paar Tage vor seiner Reise zu erklären, er habe seit längerem eine Einladung nach Ostberlin und gedenke, ihr in der sitzungsfreien Woche Folge zu leisten. Der jämmerliche Einwand, es hätte dann in Bonn zu viele Querschüsse gegeben, zeugt nicht eben von Selbstbewußtsein oder Kraftgefühl, übrigens auch nicht bei dem als Staffage hinzugezogenen FDP-Kaffee-Gast Wolfgang Mischnick. Die deutsch-deutsche Normalisierung darf nicht damit beginnen, daß die Bonner Hochmögenden im Umgang mit der Öffentlichkeit die Methoden der anderen Seite einführen. Th. S.