Kreditinstitute und Notenbank wetteifern um die höchsten Sparzinsen, die es je gab

Von Jens Friedemann

Das Ereignis fand am Freitag letzter Woche statt. Deutschlands Banken und Sparkassen hoben den Spareckzins von 4 1/2 auf fünf Prozent an. Trotzdem herrscht im Land der eisernen Sparer kein Jubel. Im Gegenteil, nie zuvor zeigte sich das Sparvolk so frustriert wie heute. Zum erstenmal seit Ende des 2. Weltkrieges plündern sie ihre eigenen Sparkonten. Die Bilanz des Monats März: 250 Millionen Mark weniger auf den Sparkonten; April-Bilanz: ein geringes Plus von 50 Millionen.

Noch vor einem Jahr platzten die Sparstrümpfe der Geldinstitute aus allen Nähten. Allein im April 1972 trugen brave Kunden 2,6 Milliarden Mark an ihre Schalter. Doch ihr Fleiß wurde nicht honoriert. Bei 4 1/2 Prozent Zinsen, die obendrein versteuert werden müssen, ist angesichts der Inflationsrate von fast acht Prozent für Sparbücher kein Platz. Daran kann auch das lächerliche halbe Prozent nichts ändern.

Was die Hüter der Währung seit langem befürchteten, ist eingetreten: Der enttäuschte Bundesbürger schlachtet sein Sparschwein und stürzt sich in den Konsum. Genau das aber ist töricht. Zwar hält das Sparbuch den heutigen Erfordernissen nicht mehr stand. Tatsächlich aber haben Banken und Sparkassen schon längst eine attraktive Alternative zum Sparbuch entwickelt: den Sparbrief. Er ist die modernste Form von Schuldverschreibungen und gibt dem Anleger ein Instrument in die Hand, nach dem er jahrelang gesucht hat: ein Mittelding zwischen festverzinslichem Papier und Sparbuch.

Dem Anleger wird es jedoch wieder einmal äußerst schwergemacht. Die Konditionen der einzelnen Briefe sind dem Laien kaum verständlich. Fast täglich erscheinen Briefe mit neuen Variationen auf dem Markt. Die größte Attraktion ist jedoch der Sparbrief mit progressiver Zinsstaffelung. Bei ihm steigen die Zinsen von Jahr zu Jahr an. Dadurch, so hoffen die ausgebenden Institute, wird der Anleger an die volle Laufzeit gebunden. Daneben gibt es aber auch den Sparbrief mit konstantem Zinssatz über die gesamte Laufzeit. Sein Vorteil: Sein Zins ist in den Anfangsjahren höher als bei den Briefen, die mit progressiven Zinsen ausgestattet sind. Allen Papieren ist eines gemeinsam: Sie können ohne Kursrisiko an das ausgebende Institut zurückgegeben werden. Generell kann man unter drei Arten von Sparbriefen wählen:

  • Der Normaltyp: Das ist ein Brief, bei dem die Zinsen jährlich oder halbjährlich ausgezahlt werden, unabhängig davon, ob der Zinssatz konstant ist oder von Jahr zu Jahr steigt. Der Erwerber zahlt hier den vollen Nennwert, der auf der Urkunde ausgedruckt ist und in der Regel in 100-Mark-Beträgen verkauft wird.
  • Der Aufzinsungstyp: Er ermöglicht die sofortige Wiederanlage der Zinsen zum gleichen Zinssatz. Zins und Zinseszins bringen hier einen erhöhten Renditeeffekt. Wichtigstes Merkmal ist jedoch die aufgeschobene Steuerpflicht für die Zinsen. Der Fiskus hält hier nämlich erst seine Hand auf, wenn die Erträge ausgeschüttet werden.
  • Der Abzinsungstyp: Er ist die interessanteste Variante, die allerdings nur mit festem Zinssatz über die gesamte Laufzeit zu haben ist. Der Anleger zahlt hier nicht den vollen Zinssatz, sondern den Nennwert minus Zinsen. Für einen achtprozentigen Brief braucht er also nicht 1000 Mark aufzubringen, sondern nur 676 Mark. Die Differenz, die zusammen mit dem Anlagebetrag am Ende der Laufzeit ausgezahlt wird, entspricht genau dem Zins plus Zinseszins. Auch hier entsteht die Steuerpflicht erst bei Auszahlung.