Von Gabriele Venzky

Radio Libération, Hanois Propagandasender, stimmte Südvietnam zum 6. Juni, dem vierten Jahrestag der Gründung der Provisorischen Revolutionsregierung mit dem Testament Ho Tschi Minhs ein: Kampf bis zur Wiedervereinigung – unter nordvietnamesischem Vorzeichen, versteht sich. Zum gleichen Tag hatten sich in Paris Henry Kissinger und Le Duc Tho verabredet, um die vor vierzehn Tagen unterbrochenen Verhandlungen zu, so Kissinger, „einem befriedigenden Ende“ zu bringen.

Das bisherige Ergebnis dieser Verhandlungen kann so sehr befriedigend nicht sein. Denn weder gelang es Kissinger, den kanadischen Außenminister Sharp davon zu überzeugen, daß es sich lohne, die kanadischen Mitglieder der Internationalen Kontrollkommission über den 31. Juli hinaus in Vietnam zu lassen, noch konnte er durch plausible Gründe den Senat davon abhalten, seinem Präsidenten die Gelder für Laos und Kambodscha zu streichen.

Tatsächlich scheint das zwischen Kissinger und Le Duc Tho vereinbarte Zusatzprotokoll zum Pariser Vertrag vom 27. Januar nur in der Formulierung neues zu enthalten. Abermals wurden die Punkte aufgezählt, die nach dem vorgesehenen Zeitplan bereits in die Tat umgesetzt werden müssen, und ganz deutlich sind darin die Prioritäten zu erkennen, die die Provisorische Revolutionsregierung ihrem Saigoner Verhandlungspartner bereits am 25. April unterbreitet hatte.

Das betrifft sowohl den Nationalen Versöhnungsrat, der innerhalb von sechs Monaten gebildet werden soll, um allgemeine Wahlen vorzubereiten, wie die Freilassung aller Gefangenen und die Konsultations-Kontakte zwischen Militärs beider Seiten. Die amerikanische Verpflichtung, die Aufklärungsflüge über Nordvietnam einzustellen und die Minenräumung fortzusetzen, ist ebenfalls nicht neu.

Zum erstenmal tauchen allerdings sehr präzise Zeitangaben auf. 24 Stunden nach Einstellung der Aufklärungsflüge soll das Feuer eingestellt werden, fünf bis zehn Tage darauf werden beide Seiten Beobachter ins Kampfgebiet entsenden, innerhalb des gleichen Zeitraums sollen die Minen vor der nordvietnamesischen Küste geräumt und die Wirtschaftsgespräche zwischen Hanoi und Washington wieder aufgenommen werden. Innerhalb von drei Monaten sollen auch die Grenzen der Kontrollzonen in Südvietnam festgelegt werden.

Doch schon jetzt ist sicher, daß es zu einer am Konferenztisch diktierten kartographischen Festlegung der Flecken auf dem Leopardenfell nicht kommen wird. Saigon möchte aus gutem Grund nur die militärischen Einflußzonen verzeichnet sehen, der Vietcong dagegen spricht von Realitäten und verlangt die Festlegung der Grenzen entlang der militärischen und politischen Einflußbereiche.