ZEIT: Es ist jetzt fünf Jahre her, seit der Nato-Ministerrat in Reykjavik zum erstenmal zu einer diplomatischen Bemühung um ausgewogenen Truppenabbau – MBFR – in Europa aufgerufen hat. Warum hat es so lange gedauert, bis dieses Thema konferenzfähig geworden ist?

Leber: Die beiderseitige ausgewogene Truppenreduzierung soll die Konfrontation abbauen helfen, die sich aus der massierten Ansammlung von Truppen in Mitteleuropa ergibt. Dazu mußten erst eine Reihe von politischen Voraussetzungen geschaffen werden. Ich bin fest überzeugt, das MBFR eine Illusion geblieben wäre, wenn nicht vorher ein Entspannungsprozeß den Boden dafür bereitet hätte. Gerade in diesem Zusammenhang muß man den Teil der Ostpolitik der Bundesregierung sehen, der offen den Abschluß der sogenannten Ostverträge und durch den Grundvertrag mit der DDR bestimmt worden ist.

ZEIT: Soll MBFR der Versuch sein, die politische Entspannung auch auf das militärische Feld vorzutreiben?

Leber: Nicht allein, aber hier liegt ein Schwerpunkt. Langfristig soll MBFR die Konfrontation abbauen helfen, ohne dabei das Gleichgewicht zu verändern. Dies bedarf aber einer langen Entwicklung, die, wenn sie nicht in fruchtloser oder gar gefährlicher Ungeduld enden soll, schrittweise konkrete Fortschritte benötigt. Das heißt: In dem Maße, wie sich das politische Klima zwischen Ost und West in Europa verbessert, sollte sich das in einer Verminderung des militärischen Gegeneinanders konkretisieren. Eine solche Verminderung könnte dann ihrerseits wiederum zu einer solchen Verbesserung des politischen Klimas beitragen, daß ein weiterer Abbau von Truppen und Rüstungen möglich wird. Das alles wird sich nur langsam und in kontrollierbaren Schritten vollziehen können. Aber vielleicht werden schon in Helsinki erste, gewiß nicht unwichtige Fortschritte erzielt werden, können.

Wir halten es für notwendig, an den Verhandlungstischen auch über vertrauensbildende Maßnahmen zu sprechen, zum Beispiel über die gegenseitige Bekanntgabe von Truppenbewegungen und über den Austausch von Manöverbeobachtern – also über den Versuch, an die Stelle von Vorgängen, die zu Mißtrauen führen können, Lösungen zu setzen, die Mißtrauen abbauen.

ZEIT: Zwischen der französischen Ostgrenze und der sowjetischen Westgrenze stehen rund zwei Millionen Mann unter Waffen, davon 1,3 Millionen auf dem Boden der Bundesrepublik und der DDR. Hat der Bundesminister für Verteidigung eine Vorstellung, was nach einem geglückten MBFR-Prozeß davon übrigbleiben könnte oder sollte?

Leber: Im Idealfall so wenig wie möglich, aber es darf kein Nachteil für die Sicherheit der Beteiligten, also auch für uns keine Nuance an minderer Sicherheit am Ende stehen.