Von Bernhard Grzimek

Ich war wohl einer der ersten Schlesier, dem es gelang, nach der polnischen Besiedlung die Heimat wieder zu besuchen. In meiner Geburtsstadt Neiße begannen sich die Friedhöfe mit polnischen Gräbern zu füllen. Man benutzte die alten Grabstellen, ja die umgedrehten Grabsteine mit neu hineingemeißelten Namen. Unangetastet hatte man jedoch die letzte Ruhestätte des Freiherrn Joseph von Eichendorff (1788 bis 1857) gelassen. Ich stand lange vor diesem Marmorstein.

Der romantische Dichter Eichendorff hat mit seinen schlichten Gedichten im deutschen Volk für die kommenden anderthalb Jahrhunderte viel Stimmung und Sehnsucht nach dem Wald geschaffen. „O Täler weit, o Höhen, ihr meiner Lust und Wehen andächtiger Aufenthalt.“ Oder: „Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch dort droben!“

Bis dahin hatte man den Wald als düster, gefährlich, voller Räuber und wilder Tiere angesehen. „Germanien ist schaurig durch seine vielen Wälder und gräßlich durch seine Sümpfe“, schrieb bereits Tacitus hundert Jahre nach Christus. Noch im 18. Jahrhundert hatte man die Wälder planlos abgeholzt. und vom Weidevieh kleiner Leute zerstören lassen. So haben romantische Dichter den verdienstvollen deutschen Förstern im vorigen Jahrhundert geholfen, den Wald im Industriezeitalter zu verteidigen, ja wieder aufzubauen. Allerdings mußten die Forstleute sich dabei den Privatbesitzern, aber auch den Länderregierungen fügen, die aus dem Wald recht schnell und viel Holz erwirtschaften, also Geld sehen wollten.

Tieck, Eichendorff, Theodor Storm würden heute den deutschen Wald nicht wiederfinden, den sie einst besungen haben. Statt der sommergrünen, meist aus vielen Baumarten gemischten Laubwälder würden sie jetzt überwiegend düstere, wie Soldaten in Reih und Glied gepflanzte, eintönige Fichtenplantagen durchschreiten. Natürliche, reine Fichtenbestände kamen früher nur in Höhen über elfhundert Metern oder viel weiter nördlich auf unserer Erdhalbkugel vor. Auf dem braungrauen, nadelbedeckten Boden dieser künstlichen Nadelholzforsten können kaum Tiere leben, in ihrem höheren Geäst haben sich die Vogelarten der nördlichen Nadelwälder spärlich ausgebreitet, Tannenhäher, Fichtenkreuzschnabel, Erlenzeisig, Tannenmeise, Rauhfußkauz.

Sicher ist den Förstern aus dieser Entwicklung kein Vorwurf zu machen; es war wohl der einzige Weg, um den Wald überhaupt zu erhalten und zu verteidigen. Der natürliche Nachwuchs von Stieleichen, Sandbirken, Espen, Erlen, Eschen, Linden, Feldulmen, Ahorn, Hainbuchen und anderen Laubbäumen aber wurde zudem noch verhindert, zumindest aber sehr erschwert und verteuert durch die übergroßen Bestände an Rothirschen und anderem „Nutzwild“. Sie mußten den aristokratischen Landesherren oder den neuen reichen oder zumindest einflußreichen Jagdpächtern zuliebe überhegt und geschont werden, obwohl sie ständig jeden Laubbaumsprößling und die vielartigen Bodenkräuter zerbissen. Dafür wurden die ebenfalls jagenden, also „bösen“ Raubtiere, die Wölfe, Luchse, Bären, Wildkatzen, Adler und anderen Raubvögel als Wettbewerber und „Schadtiere“ ausgerottet. Sie hatten vorher die Tierwelt des Waldes in natürlichem Gleichgewicht gehalten; die Biber mit ihren hunderttausend ständig erneuerten kleinen Staudämmen Hochwässer verringert und das Klima verbessert.

Vor allem aber sind alle einseitigen Monokulturen einer einzigen Pflanzenart ungeheuer anfällig gegenüber Schädlingen, die sich in günstigen Jahren darin fast blitzschnell zu Riesenheeren vermehren können. Das zeigte sich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts in einem nie dagewesenen Ausmaß. Zehntausende von Hektaren künstlicher Kiefern- und Fichtenplantagen fielen in Mitteleuropa dem Kahlfraß von Raupen der Kieferneule, der Nonne, des Kiefernspanners und einiger anderer Kleinschmetterlinge zum Opfer. In den künstlichen Nadelholzforsten wüteten Windbrüche, nach ihnen oder nach Dürrezeiten wuchs die Zahl der Borkenkäfer an. Erst im 20. Jahrhundert lernte man, diese künstlich geförderten Kerbtierheere durch hochwirksame Insektengifte (Insektizide) im Zaum zu halten, die man zunächst erfolgreich als harmlos für Mensch und Natur hinstellte. Auch nach dem grundsätzlichen Verbot von DDT und anderen chlorierten Kohlenwasserstoffen in Deutschland dürfen die Forstverwaltungen weiter mit diesen Giften arbeiten ... Wo findet man heute noch im Wald einen Ameisenhaufen oder wilde Bienen?