Von Wolfgang Hoffmann

Als Krupp-Chef Ernst Wolf Mommsen noch Bonner Rüstungsstaatssekretär war, konstatierte er, die Bundeswehr wäre längst pleite, würde man dieses Unternehmen an den Maßstäben der Industrie messen. Nun droht der Truppe in der Tat, was Mommsen befürchtet hat – dem Verteidigungsminister fehlt Geld. Zwar kann der Minister noch Sold bezahlen und Reparaturrechnungen begleichen, die Anschaffung neuen Gerätes ist jedoch in Frage gestellt.

Wegen der schlechten Finanzlage des Verteidigungsressorts muß nun auch die Rüstungsindustrie von kühnen Träumen Abschied nehmen. Als Ende der sechziger Jahre die erste Waffengeneration der Bundeswehr zur Ausmusterung anstand, hoffte die deutsche Rüstungsindustrie auf das große Geschäft. In den Anfängen der Aufrüstung mußte die Bundeswehr neue Waffen und Geräte zum großen Teil aus dem Ausland beziehen, die deutsche Industrie war weitgehend auf Lizenzbauten angewiesen. Ende der sechziger Jahre hatten die deutschen Waffenschmieden ihre Fabriken wieder ausgebaut. Die Industrie erwartete größere Aufträge.

Inzwischen sind die Hoffnungen getrübt. Die Kosten für die Erhaltung der Bundeswehr sind in den letzten Jahren so stark gestiegen, daß der Spielraum für Neuanschaffungen immer kleiner geworden ist. Schon bei den Chefgesprächen über den diesjährigen’ Verteidigungsetat zeichnete sich eine echte Notlage ab. Vier Modellrechnungen legte Leber dem Finanzminister vor. 27,2 Milliarden Mark begehrte Leber von Schmidt, wobei schon längst nicht alle verteidigungspolitischen Maßnahmen berücksichtigt worden waren. Aus Gründen der Stabilität hatte das Ministerium bereits Abstriche und Programmstreckungen vorgenommen. Mit 27.2 Milliarden sei ein noch vertretbares Maß eingehalten, hieß es im Modellpapier. .

Helmut Schmidt aber genehmigte seinem Ressortnachfolger Leber nur Modellrechnung zwei – 26,5 Milliarden Mark. Nach Ansicht der Verteidigungsplaner ist der zusammengestrichene Etat für die „Erhaltung der Verteidigungsbereitschaft“ kaum ausreichend. Das Geld reicht aus, eingegangene rechtliche und zwangsläufige Verpflichtungen zu erfüllen, für neue Waffen-bleibt nichts übrig.

Die Bonner Rüstungslobbyisten sind derzeit ratlos. Nur mit Wehmut erinnern sie sich heute an jene Zeiten, in denen immerhin so viel verdient wurde, um die zerschlagenen Waffenschmieden wieder aufzubauen. Von 1955 bis 1970 hat die Bundeswehr für Rüstungszwecke rund 90 Milliarden Mark ausgegeben. 64 Milliarden für Materialbeschaffung, 19 Milliarden für die Erhaltung und acht Milliarden für Forschung, Entwicklung und Erprobung. Gegen Ende der sechziger Jahre waren 55 Prozent der Aufwendungen für die Beschaffung an inländische Auftragnehmer vergeben worden. 1970 stieg der Inlandsanteil auf rund 70 Prozent. Und der deutschen Industrie schienen noch fettere Rüstungsjahre sicher.

Der Anteil der inländischen Rüstungsausgaben am Produktionswert der Industrie ist mit zwei Prozent zwar sehr gering, einige Industriezweige sind allerdings in großem Ausmaß von Rüstungsaufträgen abhängig. Die Luft- und Raumfahrtindustrie zum Beispiel hängt zu 70 bis 80 Prozent vom Geldsegen des Bonner Verteidigungsministeriums ab.