München

Britische Sex-Skandale haben, man weiß es aus der Vergangenheit, ihre eigenen Gesetze. Minister pflegen darin Rollen und Röllchen zu spielen, anschließend wie wahre Gentlemen zu schweigen und schließlich ebenso stilgerecht zurückzutreten. Das wiederholte sich jetzt nach dem Bekanntwerden etlicher verschwiegener Nachmittage von zwei Regierungsmitgliedern im Boudoir eines Callgirls namens Norma Levy.

Mit elegischer Bewunderung mögen da manche Bundesrepublikaner über den Kanal gebildet haben. Was hierzulande bislang als Sex-Skandal aktenkundig wurde, hält keinen Vergleich aus mit dem, was London zuweilen bietet. Diesem Übelstand halfen nun einige Blätter mit einer waghalsigen Volte ab. Bild am Sonntag überraschte die Leser am 27. Mai mit der Schlagzeile: „Callgirl-Ring-Boß in München verhaftet.“ Damit war die „Munich-Connection“ zu jenem Skandal hergestellt, der bisher ausschließlich mit britischen Beilagen garniert war. Daß der angebliche Münchner Callgirl-Boß bereits am 8. April verhaftet wurde, zu einer Zeit also, in der Großbritanniens Luftwaffenminister Lord Lambton noch fleißig mit der schwarzen Kim und der weißhäutigen Norma turtelte, fiel nicht auf.

Dafür ließ das Blatt seine Leser über die Schlüsselfigur Ulli A. und dessen Londoner Callgirl-Partner rätseln: „Star der beiden war die Minister-Geliebte Norma Levy.“ Ulli A., bürgerlich Ullrich Althoff, konnte sich zu dieser abenteuerlichen Wende nicht äußern. Er saß seit sechs Wochen in Untersuchungshaft, wegen des Verdachts der Kuppelei und Zuhälterei. Der gelernte Werbefachmann Althoff hatte ein Jahr zuvor in Schwabing einen Hostessen-Service eröffnet, eine Vermittlung von Mädchen, die einsamen München-Besuchern Abende und Nächte versüßen halfen. Kurz vor seiner Verhaftung hatte Althoff in London mit dem Hostessen-Betrieb „Glamour International“ ein, wie er sagt, loses Übereinkommen getroffen, das den Austausch von Mädchen zwischen London und München als „unseren bescheidenen EWG-Beitrag“ vorsah. Doch dazu kam es nicht mehr, Althoff wurde verhaftet.

Was BamS als vermeintlich fetten Fisch an Land gezogen hatte, schlachtete Bild nun bis zur letzten Gräte aus. Montag früh zitierte das Blatt genüßlich die Meldung einer seriösen britischen Gazette, wonach eines der Althoff-Mädchen einer „linksradikalen Organisation“ angehöre.

Dabei hatten es die Bild-Leute schon schwer genug, immer wieder die Kurve zum britischen Sex-Skandal zu kriegen. So ließen sie eine Hosteß plaudern: „Einmal hat mich Herr Althoff mit einer Kollegin im Flugzeug nach Frankfurt geschickt ... machte uns mit zwei Engländern bekannt. Wir haben erst groß zu Abend gegessen und dann war es wieder soweit: Wir sind zu viert in ein Hotelappartement gegangen. Die Herren waren schrecklich steif und vornehm.“ Bild: „Wer waren die Engländer?“ – Antwort: „Für uns waren sie Herr Smith und Herr Brown.“

Am 29. Mai schließlich machte sich Bild zum letzten Male zur Verfolgung der „heißen Spur aus München“ auf. Aus gutem Grund: An diesem Tag begann nämlich der Münchner Kuppelei-Prozeß gegen Ulli Althoff, der damit erstmals die Möglichkeit hatte, seine Rolle im Londoner Skandal zu erläutern. Die morgendliche Schlagzeile („Münchner Callgirls über Luftbrücke nach London“) hatte zumindest einen Effekt. Der kleine Gerichtssaal war voll von britischen Korrespondenten.