Daß die Tagesdosis von etwa einem Milligramm Vitamin C pro Kilogramm Körpergewicht ausreicht, um Skorbut, die gefürchtete Mangelkrankheit früherer Seefahrer, zu verhindern, steht außer Frage. Fraglich ist indes neuerdings geworden, ob diese bereits seit vielen Jahren festgesetzte und dem Körper normalerweise schon mit der üblichen täglichen Nahrung vor allem in Form von Obst und Salaten zugeführte Dosis ausreicht, um eine optimale Wirkung auch hinsichtlich weiterer positiver Effekte zu erzielen, die dem Vitamin seit langem zugeschrieben werden.

Einer dieser Effekte, die Steigerung der Widerstandskraft des Organismus gegen Erkältung und Grippe, hat Linus Pauling, Nobelpreisträger für Chemie am renommierten California Institute of Technology veranlaßt, sein umstrittenes Buch „Vitamin C und der Schnupfen“ (Verlag Chemie, Weinheim) zu schreiben. Umstritten ist die populärwissenschaftliche Abhandlung deshalb, weil der Chemieprofessor darin eine für die Vitaminforschung geradezu revolutionäre These vertritt: Die gegenwärtig als ausreichend betrachtete Dosierung von 50 bis 100 Milligramm pro Tag liegt weit unterhalb der Menge, in der das Vitamin im menschlichen Organismus optimale Wirkung entfaltet. In Grammengen konsumiert, so Pauling, ließe sich die Resistenz des Körpers beispielsweise gegen Erkältungskrankheiten deutlich steigern.

Ernährungsfachleute freilich standen und stehen dieser Feststellung des prominenten Außenseiters skeptisch gegenüber. Vermutlich wäre eine ernsthafte Diskussion um die optimale Vitamin-C-Dosis für den Menschen gar nicht erst zustande gekommen, hätte nicht Pauling durch eine Veröffentlichung in der angesehenen Zeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ jetzt überraschend Schützenhilfe bekommen. Im neuesten Heft der Zeitschrift (Vol. 70, Seite 969) berichtet der Biochemiker Man-Li S. Yew von der University of Texas über sorgfältige und aufschlußreiche Untersuchungen an Meerschweinchen, die Paulings These zum Vitamin-C-Bedarf des Menschen in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Yew fütterte Meerschweinchen mit einer speziellen Diät, die Vitamin C in bestimmten Konzentrationen enthielt, so daß die tägliche Dosis der Tiere in verschiedenen Gruppen zwischen 0,5 und 500 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht variierte. Sodann prüfte er Funktionen des tierischen Organismus, die durchaus nicht als typisch Vitamin-C-abhängig gelten, sondern vielmehr Auskunft über den Allgemeinzustand der Versuchstiere geben – etwa die Zeitdauer für ein Wiedererwachen aus der Narkose, die tägliche Gewichtszunahme oder die Reaktion auf chirurgische Traumata. All diese Parameter, so konnte der Forscher feststellen, werden deutlich von der täglichen Vitamin-C-Zufuhr beeinflußt.

Als optimale Tagesdosis erwiesen sich 50 Milligramm pro Kilogramm, ein Wert, der sehr viel höher als der bisher vermutete Bedarf von Meerschweinchen liegt. Während die Tiere der Gruppe, die mit täglich 0,5 Milligramm Vitamin C pro Kilogramm auskommen mußte, ihr Körpergewicht um durchschnittlich nur 0,38 Gramm pro Tag steigern konnten, verzeichneten die Tiere jener Gruppe, die täglich 50 Milligramm pro Kilogramm erhielt, einen Gewichtszuwachs von durchschnittlich 8,54 Gramm. Ähnlich signifikante Unterschiede zeigten sich in der Wiederbelebungszeit narkotisierter Tiere. Betrug sie bei jenen mit Vitamin-C-Mangel durchschnittlich zehn Stunden, so waren die Tiere, die täglich 50 Milligramm pro Kilogramm erhielten, in der Regel schon nach 5,3 Stunden wieder auf den Beinen.

Freilich wäre es naiv, diese überraschenden Befunde aus Tierexperimenten vorbehaltlos auf den Menschen zu übertragen. Doch selbst bei vorsichtiger Extrapolation der gefundenen Meßdaten – der Tagesbedarf eines 30 Kilogramm schweren Kindes läge dann bei 1500 Milligramm verglichen mit 40 Milligramm als gegenwärtiger Standarddosis in den USA – erscheinen die augenblicklich geltenden Normen des menschlichen Vitaminbedarfs zumindest einer kritischen Überprüfung wert. Und dies nicht unter dem Aspekt der Verhinderung jener typischen Vitamin-Mangelkrankheiten, die zumindest in den Industrieländern kaum noch eine Rolle spielen, als vielmehr im Hinblick auf eine optimale Förderung des Allgemeinzustandes.

Tilman Neudecker