Marianne Kesting: „Herman Mevilles „Benito Cereno‘ – Deutung und Dokumentation“. Melvilles berühmte Erzählung über die unheimliche Revolte von Schwarzen auf einem Sklavenschiff beruht auf einer wirklichen Begebenheit, die er den Dokumenten eines Kapitäns entnahm. Kurz vor Ausbruch des amerikanischen Sezessionskrieges, der, seiner äußeren Motivation nach, der Sklaven wegen geführt wurde, verwandelte Melville sein Thema in ein verrätseltes Gleichnis, das offenbar gedacht war, die amerikanische Öffentlichkeit vor einem ihrer abgründigsten Probleme zu warnen und sie auf den Zusammenhang der Sklavenrevolte mit den europäischen Revolutionen hinzuweisen. Darüber hinaus aber erhob er überhaupt die Frage nach der Wirklichkeit und ihrer Durchdringung und Deutung. An das Drama der realen Sklavenerhebung schloß sich also das Drama ihrer geschichtlichen und dichterischen Interpretation, endlich das nicht minder interessante Drama von beider Entzifferung an, das heute, nach über hundert Jahren, eine doppelte Aktualität zeigt: Die Neger wurden wirklich zu einem Hauptproblem der amerikanischen Gesellschaft; die Frage von geschichtlicher Realität und ihrer dichterischen Durchdringung zu einem zentralen Thema der modernen Literatur und ihrer Erforschung. (Reihe Dichtung und Wirklichkeit 32, Ullstein Verlag, Berlin; 252 S., 3,80 DM.)