Von Heinz Michaels

Über Nacht hat sich das Bild gewandelt. Konnte man bis zum 24. Mai davon ausgehen, daß die beiden größten Gewerkschaften, die IG Metall sowie öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), durch maßvolle Tarifverträge, die den Arbeitnehmern kaum noch einen realen Lohnzuwachs brachten, dem Stabilitätsprogramm der Bundesregierung Flankenschutz gegeben haben, so sind nun die Gewerkschaften wieder in die Schußlinie gerückt.

Das Signal gaben die Drucker und Setzer, die mit einem Streik eine Tariflohnerhöhung von durchschnittlich 10,8 Prozent ertrotzten. Es folgten die Textilarbeiter, die – erstmalig – unter Streikandrohung die volle Lohnforderung von 60 Pfennig je Stunde durchsetzten und damit bei zwölf Prozent landeten.

Am 24. Mai nun überraschte die Stahlindustrie mit der Ankündigung, daß die Arbeitnehmer der Branche im zweiten Halbjahr eine pauschalierte Übergangszahlung von viermal 70 Mark erhalten. Einen „Nachschlag“ verlangt nun auch die Gewerkschaft ÖTV; und die IG Metall drängt die Arbeitgeber der metallverarbeitenden Industrie, für die Arbeitnehmer etwas zu tun. Damit stehen Lohnaufbesserungen für sechs Millionen Beschäftigte zur Debatte.

Offiziell sind die Gewerkschaften dabei vertragstreu, denn die laufenden Lohnverträge sollen nicht angetastet werden. In der Stahlindustrie bot sich als Vehikel eine Aufbesserung im Manteltarifvertrag über „stahltypische Zuschläge“ an, der am 30. Juni ausläuft. Die ÖTV kündigte zum 30. Juni die Zuwendungstarifverträge und fordert zu Weihnachten statt, eines Zweidrittel- nun ein volles Monatsgehalt. Umgerechnet wären das 2,8 Prozent Gehaltsaufbesserung.

Die Anregung, in der metallverarbeitenden Industrie das Urlaubsgeld aufzustocken, ist von der IG Metall dagegen nicht zur offiziellen Forderung erhoben, sondern in die dringliche Mahnung gekleidet worden, es nicht wieder zu einer Situation wie im Herbst 1969 kommen zu lassen, als die Unzufriedenheit der Arbeitnehmer über die Lohnentwicklung sich in wilden Streiks Luft machte.

Jedem um die Bekämpfung der Inflation bemühten Politiker muß eine solche Entwicklung in die Knochen fahren. Sind denn alle Gewerkschaftsführer plötzlich unvernünftig geworden? Nun,.so wie die Dinge.liegen, bei Preissteigerungen von sieben Prozent im April und acht Prozent im Mai, können nur Heilige, Helden oder potentielle Märtyrer sich dem Drängen der Gewerkschaftsbasis nach Lohnaufbesserungen widersetzen.